Wenn Traktoren predigen
Günter Becker aus Unteröwisheim ist als Ruheständler immer wieder in Sambia im Einsatz. Wie es dazu kam, was ihn motiviert und was ihm wichtig geworden ist, berichtet er in diesem Interview.
Günter, wie kamst du zur Liebenzeller Mission?
Ich bin in Unteröwisheim bei Karlsruhe in der dortigen Liebenzeller Gemeinschaft und EC-Jugendarbeit groß geworden. Mit 17 Jahren habe ich eine Entscheidung für Jesus Christus getroffen. Ein Jahr später, bei einem Missionsfest mit Missionsinspektor Ernst Vatter in Olfen, wurde mir sehr klar: Gott ruft mich in die Mission.
Ich bin gelernter Mess- und Regelmechaniker. Damals meinte Ernst Vatter – nicht ganz ohne Augenzwinkern – aufgrund meiner heiseren Stimme sei ich wohl besser als Technischer Missionar geeignet als für den Verkündigungsdienst. So habe ich zunächst meinen Zivildienst auf dem Missionsberg in Bad Liebenzell in der technischen Bergverwaltung absolviert. 1979 wurde ich schließlich in eine Sprachschule nach England geschickt, mit dem Ziel, als Technischer Missionar nach Bangladesch zu gehen.
Dieser Einsatz kam dann aber nicht zustande.
Die Tür nach Bangladesch hat sich unerwartet geschlossen – unter anderem wegen fehlender Visa. Rückblickend war das eine Phase des Wartens und der Unsicherheit. Ich habe die Zeit genutzt, um in Werkstätten und Zimmereibetrieben zu arbeiten. Heute weiß ich: Gott war auch in dieser „Hängepartie“ am Werk. Er hat meinen Weg neu ausgerichtet.
So kam eine Anfrage aus Papua-Neuguinea, wohin ich allerdings eigentlich nur verheiratet ausreisen sollte. Doch Gott hatte längst alles vorbereitet. In Neuguinea lernte ich meine Frau Helen kennen – eine Australierin, Krankenschwester und Hebamme. Zehn Jahre konnten wir gemeinsam in der Missionsarbeit tätig sein: sieben Jahre im Sepik-Gebiet und drei Jahre auf der Insel Manus.
Warum seid ihr nach Deutschland zurückgekehrt?
Meine Frau erkrankte lebensgefährlich schwer an Gehirnmalaria. Das war ein tiefer Einschnitt. Wir mussten den Missionsdienst beenden und nach Deutschland zurückkehren. Anschließend war ich viele Jahre in einem säkularen Beruf tätig, zuletzt als Technischer Trainer bei John Deere in Bruchsal. Das amerikanische Unternehmen ist einer der führenden Hersteller von Landtechnik. Dort habe ich Mechaniker und Techniker ausgebildet. Doch auch in dieser Zeit war Mission immer Teil meines Lebens. So war ich über 30 Jahre Missionsbeauftragter in meinem Gemeinschaftsbezirk. Das war immer meine Leidenschaft neben meinem Beruf.
Heute engagierst du dich in deinem Ruhestand seit fünf Jahren wieder aktiv im Ausland, unter anderem an der Amano-Schule in Sambia.
Gott hat mich reich gesegnet und ich wollte einfach etwas an die Menschen zurückgeben, die es nicht so gut haben wie ich. Michael Pflaum, der Amano-Schulleiter, den ich fast 60 Jahre kenne, fragte mich, ob ich nicht mein technisches Wissen und Können in Sambia einsetzen könnte. Ganz praktisch arbeite ich als Technischer Missionar: Ich repariere unter anderem Traktoren und Schulbusse. Herausforderungen wie Spezialmaschinen und Stromaggregate sind mein großes Hobby. Nur für den Ölwechsel muss ich nicht nach Afrika gehen.
Das Amano-Gelände selbst umfasst ein rund 500 Hektar großes Gebiet, das entspricht rund 700 Fußballfeldern, mit neun Kilometer langen Zäunen und Grünstreifen, die regelmäßig gepflegt werden müssen.
Dafür werden Traktoren verwendet, die oft 60 Jahre alt sind. Ohne funktionierende Technik ist das nicht möglich. Mich begeistert, wie einheimische Handwerksbetriebe helfen, die Ersatzteile mit ihren Drehbänken und Fräsmaschinen selbst herzustellen. Zu diesen Betrieben sind inzwischen richtige Freundschaften entstanden.
Dabei ist mir sehr wichtig: Ich arbeite nie im Alleingang, sondern immer gemeinsam mit einheimischen Handwerkern. Es geht nicht nur darum, dass am Ende eine Maschine wieder läuft. Es geht auch darum, Menschen mitzunehmen – fachlich und geistlich. Die Einheimischen sollen erleben: Probleme sind nicht das Ende, sondern oft der Anfang von etwas Neuem. Gott schenkt Weisheit, Lösungen und neue Perspektiven. Es ist schön zu erleben, wie sie sich davon anstecken lassen und Dinge selbst lösen.
Du sprichst oft davon, dass Technik nur Mittel zum Zweck ist.
Maschinen kann man ersetzen. Menschen nicht. Etwa 70 Prozent meiner Zeit investiere ich in technische Arbeit, 30 Prozent ganz bewusst in geistliche Begleitung. Jeden Morgen beginnen die rund 30 Handwerker wie Elektriker, Zimmerleute und Automechaniker – von denen rund zwei Drittel keine Christen sind – ihren Arbeitstag mit einer halbstündigen Andacht. Dazu kommen Gespräche mit Studenten, Bibelimpulse und Predigten in umliegenden Dörfern.
Die jungen Menschen dort lieben es, wenn ich die Lieder mit meinem Akkordeon begleite. Ich möchte ihnen dabei helfen, ihre Gaben zu entdecken, zu entwickeln und einzusetzen.
Mein Ziel ist es, dass Menschen Gott nicht nur auf den Sonntagmorgen reduzieren. Er will unser ganzes Leben und ist 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche für uns da. Ich sage oft: „An Gottes Segen ist alles gelegen.“ Das ist kein frommer Spruch, sondern gelebte Realität. Das klebe ich auf alles, was ich in Deutschland restauriere und fertige. Und es steht auch ganz groß auf meinem Wochenendhaus im Weinberg, an dem viele Wanderer vorbeikommen. Wir tun alles in der Abhängigkeit von Gott. Es liegt nicht an unseren Mühen und unserem Engagement.
Was motiviert dich, gerade im Ruhestand noch einmal so viel Kraft zu investieren?
Zeit im Ruhestand ist ein Geschenk und eine Verantwortung zugleich. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sehe ich so viele offene Türen, so viel Bewahrung und Führung Gottes. Gott hat in den großen Unmöglichkeiten meines Lebens Wege geöffnet, von denen ich nicht einmal geträumt hätte. Davon möchte ich etwas weitergeben. Mein Herz brennt für die Weltmission und für die nächste Generation. Ein Zitat des ehemaligen britischen Premierministers Winston Churchill begleitet mich dabei sehr: „Politiker denken an die nächste Wahl. Staatsmänner an die nächste Generation.“ Genau darum geht es an Orten wie der Amano-Schule: Junge Menschen werden dort nicht nur akademisch, sondern auch geistlich geprägt. Es werden Fundamente gelegt, die die besten Voraussetzungen für ein gelingendes Leben mit und für Gott bieten. Die Technik und alle Maschinen dienen diesem größeren Ziel.
Was können wir Christen in Deutschland von Menschen in Afrika lernen?
Zum Beispiel den Umgang mit Zeit. Afrikaner machen nicht alles gleichzeitig. Wenn sie arbeiten, dann arbeiten sie. Wenn sie ruhen, dann ruhen sie. Multitasking ist dort kein Ideal. Was ich mache, mache ich ganz. Das hat mir geholfen, meinen eigenen Lebensrhythmus zu überdenken.
Was sollten Ruheständler beachten, die überlegen, sich im Ausland mit ihrem Wissen und Können einzubringen?
Gaben und Lebenserfahrung sind nicht nur für uns selbst da. Sprecht mit der Liebenzeller Mission, um herauszufinden, wie ihr sie im Ruhestand weitergeben könnt. Ich bin im Rahmen des Kurzzeit-Einsatzprogramms „impact“ unterwegs und erlebe das als große Unterstützung. Auf dem Missionsberg in Bad Liebenzell kümmern sich die Mitarbeiter um Flug, Versicherungen und Zollangelegenheiten. Meine Freunde spenden für meinen Einsatz. Ich gehe mit dem Bewusstsein, dass Gott mich nach Afrika sendet. Ich gehe nicht, um Abenteuer zu erleben. Gott sendet mich, und ich bin Teil seines Auftrags. Die Arbeit mit und an den Menschen steht für mich an erster Stelle. Englischkenntnisse sind dabei sehr hilfreich. Es muss aber kein perfektes Englisch sein. Am Ende bleibt für mich diese Gewissheit: Traktoren werden wieder kaputtgehen. Was wir jedoch in Menschen investieren, was wir säen, hat bleibenden Wert – für Zeit und Ewigkeit.












