1 Zur Begründung der Mission Beschlossene Version des LM-Komitees vom 6. Dezember 2024. Teilnehmer des Arbeitskreises: Dr. Jean-Georg Gantenbein, Dr. Simon Herrmann, Dr. David Kramer, Dave Jarsetz, Daniel Mattmüller, Prof. Dr. Mihamm Kim-Rauchholz INHALT 1. Einleitung...................................................................................................................... 3 2. Warum ist Gott Mission wichtig?................................................................................... 4 2.1 Wie zeigt sich Gottes Mission im Leben von Jesus? ......................................................... 4 2.2 Was hat Gottes Mission mit uns zu tun? .......................................................................... 4 2.3 Wie nehmen wir an Gottes Mission teil? .......................................................................... 4 2.4 Was ist mit menschlichem Versagen in der Missionsgeschichte? .................................... 5 3. Ist es noch nötig, weiter Missionare aus dem Westen zu entsenden?............................. 6 3.1 Wie sieht der Zustand der Christenheit in globaler Perspektive aus? .............................. 6 3.2 Ist es sinnvoll aus einem zunehmend entchristlichten Europa Missionare in die Welt zu senden, anstatt sich auf unsere eigenen Länder zu fokussieren? ................... 6 3.3 Haben wir denn etwas davon, wenn wir mit anderen teilen?.......................................... 7 4. Wie kann Mission nach der Kolonialzeit verantwortungsbewusst geschehen? ............... 8 4.1 Wie kann die Missionsarbeit als Ausdruck der Versöhnung und der Einheit des Leibes Christi verstanden werden? ......................................................... 8 4.2 Wie können Christen im Westen mit der ungleichen Ressourcenverteilung in der Welt umgehen? ......................................................................... 8 4.3 Wie betrachten Menschen in ehemals kolonialisierten Ländern die Arbeit von Missionaren während der Kolonialzeit? .......................................................... 9 4.4 Warum ist die pauschale Forderung nach einem Ende der Mission eine andere Form der Bevormundung? .................................................................................. 9 5. Was ist speziell unser Beitrag, den wir in der weltweiten Missionsarbeit einbringen können?........................................ 10 5.1 Mit welchem Leitmotiv lässt sich die Missionsarbeit heute beschreiben? ..................... 10 5.2 Würde es nicht reichen, Geld zu schicken? ..................................................................... 10
2 5.3 Für welche Eigenschaften werden Liebenzeller Missionare besonders geschätzt? ....... 10 6. Sind Kurzzeiteinsätze sinnvoll? .................................................................................... 12 6.1 Wie profitieren Menschen in den Einsatzländern von Kurzzeiteinsätzen? ..................... 12 6.2 Haben Missionare durch die Betreuung von Kurzzeitlern nicht noch weniger Zeit für ihre eigentliche Arbeit? .............................................................................. 12 6.3 Sind Kurzzeiteinsätze nicht viel zu teuer? Das Geld könnte doch anders investiert werden! ................................................................ 13 7. Warum sind wir auch in Deutschland missionarisch aktiv?........................................... 14 7.1 Warum wirkt der Gedanke an Mission in Deutschland so seltsam? .............................. 14 7.2 Wie engagiert sich die Liebenzeller Mission in Deutschland konkret? ........................... 14 7.3 Braucht es auch ausländische Missionare in Deutschland und was können sie beitragen? ............................................................................................ 14 7.4 Gibt es eine Bereitschaft, Missionsarbeit in Deutschland finanziell zu unterstützen? ... 14 8. Welchen Gewinn haben Gemeinden davon, wenn sie sich an der weltweiten Missionsarbeit beteiligen?............................................ 16 8.1 Wie wirkt es sich aus, durch Missionare mit Menschen aus anderen Ländern verbunden zu sein? ............................................................................ 16 8.2 Inwiefern wirkt die Verbundenheit mit anderen Christen horizonterweiternd? ............ 16 8.3 Wie verändert der Kontakt mit anderen Christen den Blick für die eigene Situation? .. 16 8.4 Wie trägt Mission im Ausland zu missionarischem Handeln in der eigenen Gemeinde bei? .............................................................................................. 17
3 1. Einleitung „Warum engagiert ihr euch so sehr für Mission? Wer will denn heute noch von Mission reden? Ist das nicht ein Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit, das man endlich hinter sich lassen sollte?“ Wer sich Mission auf die Fahnen schreibt – wie wir es tun –, braucht auf diese Fragen Antworten! Als Liebenzeller Mission sind wir nach wie vor davon überzeugt, dass Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und die Wahrheit erkennen (1Tim 2,4). Er überlässt diese Welt, die durch die Sünde der Menschen verloren gegangen ist (Röm 5,12), nicht einfach sich selbst. Im Gegenteil: Er wendet sich ihr zu! Genau in dieser rettenden Zuwendung Gottes zu seiner Schöpfung hat Mission ihren Ausgangspunkt. Sie zeigt sich in der Sendung des Sohnes und des Heiligen Geistes. Gott selbst wird also aktiv. Er schafft die Grundlagen dafür und lädt alle Menschen ein, in der Begegnung mit ihm Heil im umfassenden Sinn zu erfahren (2Kor 5,19f). Wer an ihn glaubt, gewinnt nicht nur Hoffnung über das irdische Leben hinaus (Joh 3,16.36), sondern erlebt, wie sich dieses neue Leben schon in der Gegenwart entfaltet: die Beziehungen zu Gott, zu den Mitmenschen, zur Umwelt und der Blick auf sich selbst werden erneuert. Glaube, Liebe und Hoffnung bestimmen das Leben (1Kor 13,13). Wer von Gottes Liebe zu allen Menschen ergriffen ist, kann nicht anders, als missionarisch zu leben (2Kor 5,14). Mission ist keine lästige Pflicht oder blinde Auftragserfüllung, sondern Ausdruck der Freude! So sind wir mit hineingenommen in Gottes Handeln. Er sendet uns in die Welt, um durch unser Reden und Handeln Zeugen des Evangeliums, der guten Nachricht von Jesus Christus zu sein (Apg 1,8). Wir laden Menschen ein, sich dem lebendigen Gott anzuvertrauen. Wo dies geschieht, gewinnen Menschen neues Leben und Gott wird geehrt. Darum geht es bei Mission. Weil die Welt sich ändert und neue Zeiten neue Fragen aufwerfen, erklären wir hier noch genauer, wie wir Mission verstehen, wie sie im 21. Jahrhundert geschehen soll und warum wir nach wie vor begeistert davon sind.
4 2. Warum ist Gott Mission wichtig? Gott ist Mission wichtig, weil er die Menschen, die er geschaffen hat, grenzenlos liebt. Deshalb sucht er den Menschen und spricht ihn an (Gen 3,9), selbst wenn der Mensch in seiner Sünde sich von ihm abwendet und sich von ihm entfernt. Die Sendung seines Sohnes Jesus Christus ist der unübersehbare, unbestreitbare Ausdruck der Liebe Gottes zu dieser Welt, die in der Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung Jesu ihren Höhepunkt findet. 2.1 Wie zeigt sich Gottes Mission im Leben von Jesus? Gottes Mission zeigt sich darin, dass Jesus die Liebe in Person ist (1Joh 4,9f.). Diese Liebe wird sichtbar, indem Jesus sich um das leibliche Wohl von Menschen kümmert: Die Kranken, die einen Arzt brauchen, bekommen freien Zugang und werden geheilt (Mt 9,12). Gottes Liebe wird auch darin deutlich, dass sich Jesus um das ewige Wohl von Menschen sorgt: Jesus ist gekommen, die Verlorenen zu suchen und zu retten (Lk 19,10). Darum starb er für uns, als wir noch Sünder waren (Röm 5,8). Gottes Mission in Jesus erfüllt sich, indem Jesus einen Platz für uns vorbereitet und uns zu sich holt, damit wir auch dort sind, wo er ist (Joh 14,3). 2.2 Was hat Gottes Mission mit uns zu tun? Von Anfang an hat Gott die Menschen in sein Handeln einbezogen. Gott selbst erschafft Himmel und Erde, aber er möchte, dass Menschen die Erde bebauen, bewahren und bevölkern. Gott selbst ruft Abraham und gibt ihm die Verheißung, aber er will, dass Abraham und seine Familie ihm vertrauen und mit ihm leben. Gott selbst vergibt die Sünde der Menschen in Christus, aber er möchte, dass wir ihm vertrauen, uns von ihm erneuern und in seine Rettungsaktion einbinden lassen. 2.3 Wie nehmen wir an Gottes Mission teil? Gott nimmt uns in seine Rettungsmission hinein, indem er uns mit seinem Geist erfüllt und als Boten seines Heils entsendet. „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“, sagte Jesus (Joh 20,21) zu seinen Jüngern. Weil aber sowohl Jesu Herrschaft als auch sein Rettungswille universal sind, gilt diese Sendung allen Christen aller Zeiten. So ist auch uns die gute Nachricht von Jesu Tod und Auferstehung anvertraut, durch welche Menschen Sündenvergebung und Versöhnung mit Gott erfahren. Wie Jesus sind auch wir gesandt, um barmherzig, gerecht und friedensstiftend zu handeln und die Wahrheit zu bezeugen. Weil Gott will, dass alle Menschen gerettet werden (1Tim 2,3f), führt uns diese Aufgabe in alle Welt, und besonders zu denen, die noch nichts von Gottes Liebe gehört haben (Röm 10,14ff). So wie Jesus sehnen auch wir uns danach, dass Menschen in allen Völkern seine Nachfolger werden (Mt. 28,18-20) und ihn eines Tages in Gottes neuer Welt mit uns gemeinsam preisen (Offb. 7,9-12).
5 2.4 Was ist mit menschlichem Versagen in der Missionsgeschichte? Weil wir als Nachfolger Jesu sündige, unvollkommene Menschen bleiben, ist Versagen, Unrecht und Sünde auch Teil der Missionsgeschichte. Als Christen versuchen wir nicht, Fehler schönzureden oder Unrecht gutzuheißen; auch unsere Arbeit als Liebenzeller Mission war und ist davon gekennzeichnet. Uns ist bewusst, dass wir vor Gott Rechenschaft für unsere Motive und unser Handeln ablegen müssen (2Kor 5,10). Gleichzeitig mühen wir uns, mit einem guten Gewissen zu handeln, vor der Gesellschaft als aufrichtig und in den Augen der Menschen, zu denen wir gesandt sind, als redlich befunden zu werden. Deshalb legen wir auch einen Wert auf eine gründliche Ausbildung unserer Mitarbeiter und auf die Reflexion unserer Arbeit. Dennoch folgen wir unserem Auftrag nicht im Vertrauen auf unsere eigene Rechtschaffenheit und Kompetenz, sondern im Gebet, dass Jesus aus unserer Arbeit Frucht für sein Reich erwachsen lässt, unsere Schuld vergibt und unsere Versäumnisse ausgleicht und korrigiert.
6 3. Ist es noch nötig, weiter Missionare aus dem Westen zu entsenden? Seit dem Beginn der modernen protestantischen Missionsbewegung vor etwa 250 Jahren, hat sich die Zahl der Christen im Globalen Süden vervielfacht, während die Zahl der Christen in Europa zurückgeht. Da könnte man denken: ‚Mission accomplished! Jetzt müssen wir uns auf uns selbst konzentrieren!‘ Dass es aber immer noch viele Menschen gibt, die gar keine Chance haben, das Evangelium zu hören, kann uns nicht egal sein. Ebenso wenig die Tatsache, dass Kirchen uns bitten, sie mit unseren spezifischen Gaben und Diensten zu unterstützen und zu ergänzen, wie zum Beispiel im Bereich der Jüngerschaft oder der theologischen Ausbildung. 3.1 Wie sieht der Zustand der Christenheit in globaler Perspektive aus? Auch wenn Christen heute in vielen Gegenden der Welt leben, gibt es immer noch ca. 5000 Volksgruppen mit insgesamt etwa 2 Mrd. Menschen, die so gut wie keinen Zugang zum Evangelium haben.1 Andernorts gibt es schon Gemeinden und Kirchen, aber einzelne Aspekte christlichen Lebens kommen zu kurz, z.B. die christliche Lehre, die Begleitung von Menschen, ihr Leben als Jünger Jesu zu gestalten, die Kinder- und Jugendarbeit, das Engagement im Schutz von Frauen und Kindern vor dem Menschenhandel oder nachhaltige Landwirtschaft. Wir sind überzeugt, dass Christen in Deutschland ihre Fähigkeiten und Ressourcen einsetzen sollten, um zur Verbreitung des Evangeliums, zur Stärkung von Christen in anderen Ländern und zur praktischen Hilfe als Zeichen von Gottes Liebe für die Welt beizutragen. Solange wir Möglichkeiten haben, sehen wir uns in der Verantwortung, diese Aufgaben wahrzunehmen. 3.2 Ist es sinnvoll aus einem zunehmend entchristlichten Europa Missionare in die Welt zu senden, anstatt sich auf unsere eigenen Länder zu fokussieren? Heute sieht die Welt anders aus als zur Zeit der Gründung der Liebenzeller Mission. So leben beispielsweise in Afrika mittlerweile mehr Christen als in Europa, während es in Deutschland Landstriche mit nur noch wenigen lebendigen Christen und Gemeinden gibt. Zum einen tragen wir diesen Entwicklungen Rechnung, indem wir unser Engagement und unsere Ressourcen auch in Deutschland einsetzen, etwa in der Gemeindegründung, im Einsatz in Brennpunktvierteln und in der Arbeit unter Migranten. Zum anderen wollen wir aber nicht über die eigenen Bedürfnisse das Gute vergessen, was uns anvertraut wurde. Trotz aller Herausforderungen im eigenen Land sind wir in vielen Bereichen – z.B. im Blick auf Wirtschaft, Bildung, Medizin – reich gesegnet, während viele Menschen dieser Erde nur wenig haben. Weil wir uns an Jesus ein Beispiel nehmen und unsere Mission ganzheitlich sehen (Mt. 4,23), wollen wir diesen Segen in unserem Handeln und Reden als greifbare Zeichen des Reiches Gottes mit anderen teilen. Wir wissen, dass sich Christen mit unterschiedlichem Hintergrund manchmal reiben. Dennoch liegen in dieser Verschiedenheit auch Möglichkeiten. Die Glieder am weltweiten Leib Christi ergänzen sich. So wie wir von Christen anderer Herkunft und Prägung profitieren, 1 Joshua Project: Frontier Unreached Peoples, https://joshuaproject.net/frontier.
7 weil sie uns helfen, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, kann unser Einsatz in anderen Ländern und Kulturen für die Christen dort bereichernd sein. 3.3 Haben wir denn etwas davon, wenn wir mit anderen teilen? Selbst wenn wir nichts davon hätten, wäre es trotzdem richtig, dem Vorbild Jesu zu folgen (2Kor 8,9) und mit anderen zu teilen. Doch wir machen die Erfahrung, dass Gott uns segnet, wenn wir unseren Segen mit anderen teilen, z.B. indem Gott ermutigende Einblicke in sein weltweites Handeln schenkt, uns neue Impulse aus wachsenden Kirchen gibt und uns durch Christen, die unter großen Entbehrungen Jesus hingebungsvoll nachfolgen, neu anspornt.2 2 Mehr dazu im Abschnitt „Welchen Gewinn haben deutsche Gemeinden…“.
8 4. Wie kann Mission nach der Kolonialzeit verantwortungsbewusst geschehen? Die Rolle der Mission in der Kolonialzeit ist komplex. Manchmal arbeiteten Kolonialmächte und Missionen eng zusammen, manchmal agierten sie unabhängig voneinander, und manchmal stellten sich Missionare auf die Seite der einheimischen Bevölkerung gegen die Kolonialmächte. Heute kann Mission nur sensibel und in Verantwortung gegenüber der Vergangenheit erfolgen. Unrecht darf nicht einfach übergangen werden. Gleichzeitig bleibt der Auftrag des globalen Zeugnisses von Jesus Christus bestehen. Dieses Zeugnis wird besonders überzeugend, wenn Christen aus Nationen, die sich früher entgegenstanden, heute zusammenarbeiten. 4.1 Wie kann die Missionsarbeit als Ausdruck der Versöhnung und der Einheit des Leibes Christi verstanden werden? Dies kann geschehen, wenn Missionare der ehemaligen Kolonialmächte ihre Vergangenheit und ihr Erbe bewusst reflektieren und aufarbeiten. Partnerschaftliche Beziehungen entstehen durch Buße, Bitte um Vergebung für verursachtes Leid sowie durch die Zusage der Vergebung seitens der lokalen Kirchen der ehemals kolonisierten Völker. Diese Versöhnung zeigt sich in gemeinsamen missionarischen Aktivitäten, durch die das Evangelium der Vergebung Gottes sichtbar wird. Gleichzeitig verdeutlicht die Mission die Einheit des Leibes Christi weltweit (Röm 12,4-6; Eph 4,1-6), da alle Christen, unabhängig von Herkunft und kulturellem Erbe, Glieder am Leib Christi sind. Jesus bittet in Johannes 17 um die Einheit seiner Jünger, die sichtbar gelebt werden muss, um nicht nur ein Lippenbekenntnis zu bleiben. Mission bedeutet, gemeinsam unterwegs zu sein. Diese gelebte Einheit zeigt, dass Jesus unter seinen Jüngern lebt. 4.2 Wie können Christen im Westen mit der ungleichen Ressourcenverteilung in der Welt umgehen? Christen im Westen sind in einem großen Maß materielle und immaterielle Ressourcen anvertraut, um sie mit anderen zu teilen, Verhältnisse zu bessern und das Evangelium zu verbreiten (Jak 4,17; Hebr 13,16). Christen aus dem Westen dürfen sich dabei nicht als Retter inszenieren. Die Mitarbeit von Missionaren geschieht in Partnerschaft mit Christen vor Ort, in Wertschätzung und Einbeziehung der lokal verfügbaren Ressourcen und mit dem Ziel der Befähigung lokaler Leiter und Mitarbeiter. Ressourcen nicht zu teilen, wäre falsch, aber sie dürfen nicht zur Abhängigkeit oder Bevormundung führen. Daher arbeiten unsere Missionare daran, im Gespräch mit Menschen vor Ort herauszufinden, wie die Ressourcen so eingesetzt werden können, dass sie Menschen dienen und Gott ehren.
9 4.3 Wie betrachten Menschen in ehemals kolonialisierten Ländern die Arbeit von Missionaren während der Kolonialzeit? Die Antwort auf diese Frage fällt je nach Situation unterschiedlich aus. Manchmal wird die Ablehnung der einheimischen Kultur durch Missionare in der Kolonialzeit bemängelt. Auch die bevormundende Haltung gegenüber der lokalen Bevölkerung oder der Eingriff in gesellschaftliche Strukturen werden mitunter kritisiert. Auf der anderen Seite wird von vielen Menschen der Beitrag von Missionaren, auch während der Kolonialzeit, geschätzt: Die Verschriftlichung der Sprache, die Verkündigung des Evangeliums und die Gründung von Gemeinden, die Völker übergreifende und damit versöhnende Arbeit, die Etablierung eines Bildungssystems und die Einführung medizinischer Arbeit werden oftmals selbst bei einer großen Kritik der Kolonialzeit als wichtige und wertvolle Beiträge für die Entwicklung betrachtet. 4.4 Warum ist die pauschale Forderung nach einem Ende der Mission eine andere Form der Bevormundung? Es gibt Stimmen in westlichen Gesellschaften, die Mission von Seiten westlicher Kirchen und Organisationen grundsätzlich ablehnen, vor allem auf dem Hintergrund der Kolonialgeschichte. Hier muss aber doch zurückgefragt werden, ob nicht gerade in der pauschalen Forderung nach einem Ende der Mission eine moderne Form der Bevormundung zu erkennen ist. Es wird angeblich im Interesse anderer argumentiert und entschieden, ohne diese selbst einzubeziehen. Die Entscheidung darüber, ob Kirchen/Organisationen aus dem Westen in ehemals kolonialisierten Ländern missionarisch tätig sein dürfen, sollte den Menschen in diesen Ländern selbst überlassen werden. Wenn sie die Zusammenarbeit ablehnen, muss dies respektiert werden. Eine von westlicher Seite aus geforderte Einstellung aller Missionsarbeit würde allerdings die Menschen des Südens erneut entmündigen, indem ihnen vermittelt wird: „Wir entscheiden, was gut für euch ist.“
10 5. Was ist speziell unser Beitrag, den wir in der weltweiten Missionsarbeit einbringen können? So wie es innerhalb von Gemeinden Menschen mit verschiedenen Gaben gibt, die sich gegenseitig ergänzen, so sollen auch die unterschiedlichen Gaben, Fähigkeiten und Prägungen, die Gott Christen auf der ganzen Welt geschenkt hat zur gegenseitigen Bereicherung dienen (1Kor 12,12-31). Wir brauchen andere und sie brauchen uns. Als Liebenzeller Mission stehen wir für Verlässlichkeit und Beständigkeit in den Beziehungen und der gemeinsamen Arbeit, bringen neue Impulse, einen Blick von außen und unterstützen durch Finanzen und Expertise Kirchen, Gemeinden und Projekte in ihrer eigenen Entwicklung. 5.1 Mit welchem Leitmotiv lässt sich die Missionsarbeit heute beschreiben? Missionsarbeit geschieht heute in Partnerschaft. Die Liebenzeller Mission arbeitet fast überall auf Einladung von und in Kooperation mit einheimischen Organisationen. Missionare sind oft von den Strukturen, Beziehungen und der Expertise einheimischer Leiter abhängig. Gleichzeitig bringen sie sich mit ihren Mitteln und Möglichkeiten ein, um gemeinsam Ziele zu erreichen. Dabei soll die Zusammenarbeit auf Augenhöhe geschehen, in dem Wissen, dass alle Partner Mitarbeiter Gottes sind (1Kor 3,5-11). Es ist uns wichtig, darauf zu hören, was unseren Partnern wichtig ist und mit ihnen gemeinsam zu planen und zu handeln. 5.2 Würde es nicht reichen, Geld zu schicken? Die Liebenzeller Mission setzt durchaus finanzielle Mittel ein, um Partner, Projekte und einheimisches Personal zu unterstützen und weiterzuentwickeln. Aber Geld allein kann nicht tun, wofür Partner uns schätzen: Erfahrung im Gemeindebau und in der Sozialen Arbeit, die Begleitung, Schulung und Beratung einheimischer Leiter und Mitarbeiter oder die theologische Aus- und Weiterbildung setzt Missionare voraus, die vor Ort sind. Sie bringen dabei eine Perspektive von außen mit, die kulturell und geistlich noch einmal anders auf Situationen blickt, zur Reflexion anregt und Impulse gibt. Durch Missionare werden Christen vor Ort mit der universalen Kirche vernetzt. Missionare eröffnen so eine Weite in der Gestaltung christlichen Lebens. Weil sie nicht direkt Teil des gesellschaftlichen Geflechts sind, können Missionare Schwierigkeiten und Probleme besser ansprechen und mithelfen, Konflikte und Blockaden in Gemeinden und Organisationen zu überwinden. 5.3 Für welche Eigenschaften werden Liebenzeller Missionare besonders geschätzt? Missionare der Liebenzeller Mission sind dafür bekannt, dass sie gut ausgebildet kommen, die Sprache ihres Einsatzlandes gründlich lernen und daran interessiert sind, ihre interkulturelle Kompetenz laufend zu erweitern. Dadurch entwickeln sie ein Verständnis für den jeweiligen Kontext und können ihre Mitarbeit gezielt darauf abstimmen. Viele Missionare sind darüber hinaus langjährige Partner, die sich gerne auf die Menschen einlassen, gute und enge Beziehungen aufbauen und ein echtes Interesse an den Menschen haben, mit denen sie zusammen leben und arbeiten. Über das große Gebetsnetzwerk der
11 Liebenzeller Mission werden nicht nur Anliegen der Missionare selbst geteilt, sondern auch die Menschen und Situationen vor Ort ins Gebet eingebunden.
12 6. Sind Kurzzeiteinsätze sinnvoll? Kurzzeiteinsätze dauern etwa drei Monate bis zu zwei Jahren. Für viele junge Menschen bieten sie die Möglichkeit, sich freiwillig und unentgeltlich sozial und missionarisch zu engagieren und dabei ihren Horizont zu erweitern und persönlich zu reifen. Während der Gewinn für die Kurzzeitmitarbeiter oft offensichtlich ist, wird der tatsächliche Mehrwert für die Menschen vor Ort, denen sie helfen möchten, häufig infrage gestellt. Wir sind jedoch überzeugt, dass Kurzzeiteinsätze sinnvoll sind, wenn die Projekte gut ausgewählt, die jungen Menschen sorgfältig auf ihren Einsatz vorbereitet und währenddessen begleitet werden. Genau dafür setzen sich insbesondere die Mitarbeiter unseres impactArbeitszweiges ein, das die Kurzzeiteinsätze koordiniert. Keiner unserer Kurzzeitler wird einfach losgeschickt, um sich irgendwo auszuprobieren. 6.1 Wie profitieren Menschen in den Einsatzländern von Kurzzeiteinsätzen? Viele junge Menschen sind bereit, sich einzubringen, und sie haben Zeit für Menschen und Projekte. Sie arbeiten praktisch mit, engagieren sich für Benachteiligte und werden zu Freunden für junge Menschen in den Einsatzländern. Eine Horizonterweiterung geschieht auf beiden Seiten. Wenn Einsätze in Gemeinden stattfinden, bringen Impulse von außen oft neuen Schwung oder eine andere Perspektive darauf, wie man den christlichen Glauben leben kann. In Ländern, in denen jungen Menschen wenig zugetraut wird, setzen sie ein Beispiel dafür, dass junge Menschen einen Beitrag zum Wohlergehen anderer, zur Entwicklung von Kirche und Gemeinde und zur Gesellschaft leisten können. Kurzzeiteinsätze tragen insgesamt dazu bei, einer Grenzen und Kulturen überschreitenden Christenheit Ausdruck zu verleihen. 6.2 Haben Missionare durch die Betreuung von Kurzzeitlern nicht noch weniger Zeit für ihre eigentliche Arbeit? Es ist klar, dass eine gute Begleitung von Kurzzeitmitarbeitern wertvolle Zeit und Engagement erfordert. Ein erfolgreiches und für alle Seiten gewinnbringendes Kurzzeitprogramm hängt von erfahrenen Mitarbeitern und guten, gewachsenen Beziehungen zu unseren Partnern vor Ort ab. Verschiedene Aspekte sind hier wichtig: Zum einen unterstützen manche Kurzzeitmitarbeiter langjährige Missionare, z.B. bei der Schulausbildung ihrer Kinder, und entlasten sie dadurch. Andere Kurzzeitmitarbeiter stärken den Dienst der Missionare und Gemeinden vor Ort in einem Maß, dass sich die investierte Zeit für die Begleitung voll und ganz lohnt. Einige unserer Mitarbeiter, die Kurzzeitprogramme koordinieren, fühlen sich von Gott genau zu dieser Aufgabe berufen. Nicht zuletzt sind Kurzzeiteinsätze beides: Eine bewusste Investition in die junge Generation und ein Teil der Nachwuchsförderung. Ein beachtlicher Teil der jungen Leute engagiert sich nach den Einsätzen ehrenamtlich in Jugendkreisen und Gemeinden, und viele entscheiden sich für ein Studium, das sie auf die Mitarbeit in der Mission oder in Jugend- und Gemeindeverbänden vorbereitet.
13 6.3 Sind Kurzzeiteinsätze nicht viel zu teuer? Das Geld könnte doch anders investiert werden! Kurzzeiteinsätze kosten Geld. Dieses Geld ist jedoch nicht frei verfügbar, sondern wird größtenteils speziell für die Einsätze von den jungen Menschen selbst, ihren Familien und Unterstützern bereitgestellt. Wer an einem solchen Einsatz teilnimmt, entwickelt oft ein tieferes Verständnis für die Lebenssituation der Menschen in anderen Ländern und bleibt den Menschen und der Arbeit vor Ort langfristig verbunden. Häufig wächst durch die Berichte der Kurzzeitmitarbeiter auch in ihrem Umfeld das Bewusstsein für die weltweite Verbundenheit und damit auch das – oft auch finanzielle – Engagement für Organisationen, die vor Ort tätig sind.
14 7. Warum sind wir auch in Deutschland missionarisch aktiv? Der Gedanke, dass Deutschland Missionare empfängt, ist für viele seltsam, denn dieses Land ist doch – trotz aller Krisen und Kirchenschwund – eigentlich christlich. Oder etwa nicht? Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte sprechen allerdings eine andere Sprache: Christliches Leben in Deutschland befindet sich in einem radikalen Umbruch und immer weniger Menschen haben Begegnungen mit Nachfolgern Jesu und die Gelegenheit, Christen zu werden. Durch langjährige Missionserfahrung und die Zusammenarbeit mit engagierten Partnern in Deutschland ist die Liebenzeller Mission gut vorbereitet, auf diese Herausforderungen einzugehen. Darum sind wir auch in Deutschland missionarisch tätig. 7.1 Warum wirkt der Gedanke an Mission in Deutschland so seltsam? In der europäischen Geschichte wurden geographische Regionen mit einer religiösen Prägung derart verbunden, dass das Christentum als eine territoriale Größe verstanden wurde. Das äußerte sich in der Vorstellung einer ‚christlichen Nation‘ oder einer ‚christlichen Zivilisation‘, zu der die Zugehörigkeit automatisch, von Geburt an erfolgte. Das geistliche und kulturelle Leben dieser ‚christlichen Nationen‘ wurde maßgeblich von Staatskirchen verwaltet und die persönliche Glaubensaneignung des einzelnen trat in den Hintergrund. Der Gedanke an Mission in Deutschland wirkt heute seltsam, weil er diese verwurzelte Vorstellung hinterfragt und Christen vor die Aufgabe stellt, ihr Land neu mit dem Evangelium zu erreichen. 7.2 Wie engagiert sich die Liebenzeller Mission in Deutschland konkret? Die Liebenzeller Mission arbeitet in Deutschland wie anderswo mit Partnern vor Ort. Wir gründen neue Gemeinden im urbanen Raum, teilweise auch in Verbindung mit sozialmissionarischen Projekten und für den multikulturellen Kontext. Darüber hinaus unterstützen Missionare internationale christliche Gemeinden und arbeiten mit Menschen mit Migrationshintergrund. 7.3 Braucht es auch ausländische Missionare in Deutschland und was können sie beitragen? Mission in Deutschland braucht internationale Missionare und die Unterstützung von Christen aus dem Ausland – und in der Tat: viele sind schon da. Zum einen erreichen sie auf natürliche Art ihre Landsleute, zum anderen können sie das Interesse am christlichen Glauben in Teilen der deutschen Bevölkerung wecken. Durch ihre kulturelle Perspektive und geistliche Prägung können sie unsere Werte hinterfragen und unsere Gaben ergänzen und so einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung des Evangeliums in Deutschland leisten. 7.4 Gibt es eine Bereitschaft, Missionsarbeit in Deutschland finanziell zu unterstützen? Für manche ist das Bild des europäischen Missionars in den Tropen umgeben von Menschen anderer Hautfarbe der Urtypus von Missionsarbeit. Diese Verbindung von Mission mit dem
15 Exotischen stammt zum einen daher, dass dies lange Zeit der tatsächlichen Arbeit vieler westlichen Missionsgesellschaften entsprach, zum anderen, dass dieses Bild in Missionspublikationen und -veranstaltungen besonders bedient wurde. Für andere gehört Mission in der westlichen Welt schon zum Bild ‚normaler Missionsarbeit‘, wird als sinnvoll gesehen und findet Unterstützung. Es ist wichtig, den Missionsgedanken grundsätzlich mit allen Ländern und Menschen aller Hautfarben, Sprachen und Kulturen zu verbinden, weil Gott will, dass alle gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1 Tim 2,4).
16 8. Welchen Gewinn haben Gemeinden davon, wenn sie sich an der weltweiten Missionsarbeit beteiligen? Wenn sich Gemeinden an der weltweiten Missionsarbeit beteiligen, ist dies zunächst mit Opfern verbunden: Erfahrene Mitarbeiter werden freigestellt und finanziert und fehlen dann in der eigenen Gemeinde. Dennoch liegt Gewinn und Segen in der Beteiligung an der Missionsarbeit: Durch Kontakte zu anderen Christen wird der eigene Horizont geweitet. Gemeinden erfahren, was Gott weltweit tut und werden dadurch ermutigt. Gerade in einer Zeit, in der im Westen die Christenheit an Einfluss verliert, sind die Stimmen und das Vorbild der Brüder und Schwestern in anderen Gegenden besonders wichtig. 8.1 Wie wirkt es sich aus, durch Missionare mit Menschen aus anderen Ländern verbunden zu sein? Christen, die die internationale Missionsarbeit unterstützen, entwickeln Empathie für Menschen anderer Kulturen, Hautfarben und Nationalitäten. Die Verbundenheit und der Einsatz für andere sensibilisieren sie für deren Andersartigkeit genauso wie für die gemeinsame Menschlichkeit. Dadurch verliert das Fremde seine Bedrohlichkeit, und Christen werden befreit, sich für interkulturelle Begegnungen in ihrem eigenen Umfeld zu öffnen. 8.2 Inwiefern wirkt die Verbundenheit mit anderen Christen horizonterweiternd? Durch die Beteiligung an der Missionsarbeit lernen Christen sich als Teil der weltweiten Familie Gottes zu sehen. Der Kontakt zu Christen aus anderen Ländern hilft Christen hierzulande zu verstehen, dass es auch anders geht. Das betrifft sowohl die Gestaltung des christlichen Glaubens (Gottesdienstformen, Liedgut) als auch das Alltagsleben (Kleidung, Essen, Gastfreundschaft). Dadurch wird Flexibilität und Großzügigkeit eingeübt und der Blick für das Wesentliche gestärkt. 8.3 Wie verändert der Kontakt mit anderen Christen den Blick für die eigene Situation? Gerade in einer Zeit der fortschreitenden Säkularisierung westlicher Gesellschaften, ermutigt die Verbundenheit mit Christen in anderen Gegenden, konkret auf Gottes Wirken zu hoffen. Die Erfahrungen anderer Christen bezeugen, dass das Christentum keine zu Grunde gehende westliche Ideologie ist, die dem stetigen Wachstum von Vernunft, Wissenschaft und Atheismus weichen muss. Christen im Westen werden durch das Zeugnis anderer gestärkt, dem Materialismus und der Lauheit zu widerstehen und in ihren Herausforderungen treu zu bleiben. Dabei erhalten sie Orientierung in Fragen der christlichen Ethik, Lehre und Lebensführung. Indem Christen hier mit Christen in anderen Erdteilen im Gespräch bleiben, lernen sie mit einem anderen Blick auf ihre drängenden Fragen zu schauen und können so ein theologisches Korrektiv erhalten.
17 8.4 Wie trägt Mission im Ausland zu missionarischem Handeln in der eigenen Gemeinde bei? Oft erneuert die Mission im Ausland den missionarischen Blick für das eigene Umfeld. Das Beispiel von Christen an anderen Orten kann herausfordern und motivieren, schärft den kritischen Blick für die eigene kulturelle Angepasstheit und entfacht neue Motivation für Gottes Missionsauftrag vor der Haustür. In Kurzzeitmissionseinsätzen erleben Christen durch eine Auslandserfahrung die Vielfalt der Gemeinde Jesu aus erster Hand und bringen wertvolle Eindrücke und neue Motivation mit nach Hause, die wieder in die Gemeinde einfließen können. Wenn langjährige Missionare zurückkehren, bringen sie oftmals einen Schatz an Erfahrungen und Fähigkeiten mit, die für das christliche Leben in den Gemeinden, in denen sich sie engagieren, noch lange Früchte tragen.
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