ZUM THEMA MALAWI 14 Verflucht seid ihr! Der Sarg ist im Grab. Die Erde ist darüber aufgehäuft. Zahlreiche Blumen- kränze sind auf dem Grab abgelegt. Ein lieber älterer und sehr geschätzter Pastor spricht das Abschlussgebet auf dem Friedhof. Er befiehlt den Ehemann und die Kinder der Verstorbenen der Gnade Gottes an und dankt für ihr Leben. Dann, kurz vor dem abschließenden Segen, spricht er einen Fluch aus. Ihr habt richtig gelesen, einen Fluch: „Alle Menschen, welche sich an diesem Grab, an unserer Schwester oder an ihren Knochen zu schaffen machen, seien im Namen des allmächtigen Gottes verflucht. Amen.“ Bei diesen Worten öffnete ich meine Augen. Zu groß war meine Neugier, ob noch der gleiche Pastor sprach, welcher die Hinterbliebenen der Gnade Gottes anbefohlen hatte. Ja, er war es. Er hatte den Fluch ausgesprochen. Mit erhobenen Armen stand er direkt vor dem geschmückten Grab. Ich kam mir vor wie im falschen Film. Fluch und Segen in einem Atemzug? Auf dem Friedhof? Wie reagiert man auf einen Fluch? Mein Blick wanderte über die Trauergemeinde. Niemand zeigte sich entrüstet. Weder der theologische Lehrer der Bibelschule noch der frühere Generalsekretär des Gemeindeverbands. Hätte an dieser Stelle der theologisch gut geschulte Missionar (ich) nicht das dreifache Amen oder − in guter Liebenzeller Tradition − „Wenn nach der Erde Leid, Arbeit und Pein“ anstimmen müssen, um diese Irrlehre zu unterbinden? Wäre es nicht angebracht gewesen, direkt auf dem Friedhof, noch bevor wir wieder zum Trauerhaus gingen, mit dem lieben Bruder ein Vieraugengespräch über seine theologischen Wirrungen zu führen? Nichts davon geschah. Zu groß war mein Schock. Ich musste erst meine Gedanken sortieren. Die Gelegenheit für einen öffentlichen Widerspruch war vorüber. Konnte ich diesen Fluch tolerieren? Sollte er so stehen bleiben oder besser korrigiert werden? Nun ja, die Worte waren bereits ausgesprochen. In der darauffolgenden Woche fragte ich mehrere Missionarskollegen nach ihrer Meinung. Auch sie waren verwirrt. Da der theologische Lehrer der Bibelschule auch enger Freund und kulturelle Brille für mich war, ging ich auf ihn zu. Mir Konnte ich diesen Fluch tolerieren? Angehörige und Freunde eines Verstorbenen streichen die Oberfläche des Grabs glatt, bevor Blumenkränze daraufgelegt werden – hier in Sambia FOTO: REINHARD FREY
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