MISSION weltweit 3/2026 BANGLADESCH 5 ZUM THEMA nicht einfach seine Meinung ändern. Das würde immer auch bedeuten, dem bisherigen Leben den Rücken zu kehren – einschließlich der Familie. Die Hürde, eine Entscheidung für Jesus zu treffen, ist dementsprechend groß. Darüber hinaus gibt es zumindest offiziell keinen neutralen Raum wie den Säkularismus in Europa: Es gibt hier keinen Menschen ohne Religion, weil das gesellschaftlich bedeuten würde, er hätte keine Kultur. Gibt es doch Säkularismus in Bangladesch? Trotz dieser sehr starken Vermischung von Religion und Kultur lassen sich bei genauerem Hinschauen bestimmte Formen von Säkularismus feststellen, die gerade für die Mission sehr interessant sind: Da gibt es einerseits einen Säkularismus, bei dem die Kultur noch von traditionellen religiösen „Überbleibseln“ geprägt ist, jedoch ohne die damit verbundene persönliche Spiritualität. Ein befreundeter Hotelmanager erzählte mir einst, dass er zu Hause zwar einen hinduistischen Hausaltar habe, den seine Frau auch pflege, er damit aber nichts mehr anfangen könne. Trotzdem versteht er sich als Hindu. In diese Kategorie des Säkularismus fällt auch unsere Angestellte Saina. Wiederum eine andere Form des Säkularismus zeigt sich in einer sehr liberalen Haltung. Unsere muslimische Angestellte zum Beispiel bittet uns bei verschiedenen Gelegenheiten, dass wir doch zu Jesus für sie beten sollen, es sei ja ohnehin der gleiche Gott. Das Eid-Fest, das den Ramadan beschließt, begeht sie ähnlich wie Weihnachten: Man beschenkt sich gegenseitig und genießt Gemeinschaft. Dazu sind auch wir jedes Jahr eingeladen. Bei uns zu Hause zieht sie die Burka aus, kann sogar mit offenen Haaren herumlaufen, „weil das bei euch ja geht.“ An ihrem Leben sehen wir, wie eine stark ausgeprägte liberale Haltung letztlich zur spirituellen Bedeutungslosigkeit führt. Diese Form von Religionsausübung ist komplett in die Kultur übergegangen. Mission in Bangladesch Wie geht nun also Mission in Bangladesch? Die hohen kulturellen Mauern und zum Teil auch Verfolgung lassen Mission fast unmöglich erscheinen – und dennoch bleibt unser Auftrag: Wir wollen auf Gott hinweisen, durch Taten und, wo es geht, auch durch Worte. Im öffentlichen Raum wird dies durch unsere Projekte, die Kinderdörfer und Schulen, sichtbar. Wir leben klare christliche Werte und kommunizieren diese auch offen im Rahmen der Möglichkeiten. Darüber hinaus unterstützen wir als Liebenzeller Mission auch Gemeindegründungen, die allerdings schon rein rechtlich nur von Bengalen selbst durchgeführt werden dürfen. Aufgrund des versteckten Säkularismus halten wir allerdings einen anderen Bereich unserer Arbeit für den missionarischsten: die Jüngerschaft. Wenn Jesus seine Jünger auffordert: „Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matthäus 28,20), dann wird für mich deutlich: Jeder, den wir in seinem Glauben aktiv fördern, jede, der wir helfen, überhaupt erst eine Form von gelebter Spiritualität zu entwickeln, ist Teil unseres missionarischen Wirkens (siehe Infokasten). Unsere Angestellte Saina hat übrigens inzwischen Interesse gezeigt, regelmäßig mit Katrin in der Bibel zu lesen. Wir sind gespannt, wie Gott in ihr wirkt. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie die Menschen in deinem Umfeld leben, was Teil ihrer Kultur und was tatsächlich Ausdruck ihrer persönlichen Spiritualität ist? Wie sieht das bei dir selbst aus? Wie kannst du auf Gott hinweisen – durch Taten und durch Worte? Micha Ulmer Micha und Katrin Ulmer leben seit Herbst 2020 in Bangladesch. Dort unterstützen sie das Kinderdorf und die Schule in Khulna sowie die TEE-Arbeit. Beide haben an der Internationalen Hochschule Liebenzell studiert. Danach war Micha in der Liebenzeller Gemeinschaft Blankenloch tätig. Katrin betreute Wohnungslose in Pforzheim. Die beiden sind Eltern von drei Kindern. Rundbriefe und mehr: www.liebenzell.org/ulmer Die Hürde, eine Entscheidung für Jesus zu treffen, ist groß. Wir wollen auf Gott hinweisen, durch Taten und, wo es geht, auch durch Worte. Oben: Das Kinderdorf in Khulna genießt auch bei Muslimen einen guten Ruf Links: Auch Christen sind beim Eid-Fest willkommen
RkJQdWJsaXNoZXIy NjU1MjUy