LIEBENZELLER MISSION AKTUELL MISSION weltweit 4/2026 WEITERDENKEN >> SONDERBEITRAG ZUM THEMA VON JEAN-GEORGES GANTENBEIN 21 Dr. Jean-Georges Gantenbein ist verheiratet mit Sabine. Er ist Leiter des Fachbereichs Europa bei der Liebenzeller Mission und Dozent für Missiologie am Theologischen Seminar St. Chrischona bei Basel. derte nach Amerika aus, weil sie kein Auskommen mehr hatten in der Schweiz des 19. Jahrhunderts. Ohne Immigration würden unsere Wirtschaft, unser Renten- und unser Gesundheitssystem nicht mehr funktionieren. Unsere Bevölkerung würde abnehmen. Und das Wichtigste für uns Christen: Wenn Gott diese Welt lenkt, dann schickt er uns diese Menschen, damit sie das Evangelium hören. Dies sollte für uns Christen das maßgebliche Argument für unser Verhalten gegenüber Fremden sein. Im 19. Jahrhundert wurde die Missionsaufgabe in Innere und Äußere Mission geteilt. Die Innere Mission wurde zunehmend von der Diakonie vereinnahmt. Diese pragmatische Trennung und der stark geografische und anthropologische2 Akzent der damaligen Missionsdefinition haben dazu geführt, dass man Mission im eigenen Land relativ spät wieder als Aufgabe wahrnahm. Nun ist es nicht mehr anders möglich. Viele Christen proklamieren: „Deutschland ist wieder ein Missionsland.“ Als Missiologe sollte ich mich über das neue Interesse an Mission freuen. Dabei übersehen viele Christen, dass damit die alte Missionsdefinition des 19. Jahrhunderts weiterverwendet wird, wider besseres Wissen. Die Mission der Kirche sollte aber biblisch gesehen nicht zuerst geografisch, sondern theologisch definiert werden. Und deshalb gilt die Mission Gottes, die er überraschenderweise seinen Jüngern anvertraut hat, von überall nach überall. Ja, Deutschland ist heute ein „Missionsland“. Das war es aber schon immer, wie jedes Land dieser Erde. 2 • Neuanfang – neu lernen Das Fremde kommt zu uns: Menschen anderer Kulturen wohnen bei uns, dabei sind auch viele Christen, die neben ihrem materiellen Überlebenskampf ganz selbstverständlich Jesus bezeugen und Gemeinden gründen. Diese Christen aus dem globalen Süden sind entscheidend für die Zukunft unserer Gemeinden und die Mission in unserem Land. Wir brauchen ihre missionarische Dynamik und ihre Gaben in unseren Gemeinden, so dass wir den Leib Christi vollständiger darstellen als bisher. Demografisch gesehen wird Europa zu einem Seniorenheim. Wenn es uns nicht gelingt, Christen aus anderen Ländern in unseren Gemeinden zu integrieren, dann werden sie zu ethnischen Gemeinschaften, die nur aus einer oder zwei Kulturen bestehen. Bisher wur- de vielen Migrationsgemeinden der Vorwurf gemacht: „Die bleiben ja nur unter sich!“ Nun stehen wir in der gleichen Gefahr, wenn wir uns nicht interkulturell öffnen, persönlich und als Kirchen. Gelingt das in unseren Gemeinden, werden wir zu einem wichtigen Integrationsinstrument der Gesellschaft. Die interkulturelle Öffnung ist ein Gebot der Stunde, aber zuallererst das Ideal der Gemeinde Jesu Christi, die aus allen Nationen besteht. Was in der Ewigkeit Realität sein wird, kann hier auf Erden schon etwas eingeübt werden. 3 • Wie soll das praktisch geschehen? Wissen statt Misstrauen: Das interkulturelle Ideal ist schwierig umzusetzen. Wir sind oft misstrauisch gegenüber Fremden. Das beste Gegenmittel ist, sich für eine Kultur zu interessieren, vielleicht ihre Sprache zu lernen, ihre Kochrezepte auszuprobieren. Deshalb Xenologie (Lehre des Fremden) statt Xenophobie (Fremdenangst)! Er oder ich als Fremder? Setzen wir uns selbst dem Fremden aus, lernen wir, was fremd sein bedeutet. Solche Alteritätserfahrungen kann ich bewusst suchen, zum Beispiel im öffentlichen Raum, wenn ich fremde Sprachen höre. Ich kann versuchen, mich in die Lage von jemandem zu versetzen, der die Sprache der anderen nicht versteht und so das Lebensgefühl dieser Menschen besser begreifen lernen. Übrigens gehört die Fremdheit zur Identität unseres Christseins (1. Petrus 1,1 und 2,11). Deshalb trainieren anstatt lamentieren! Hören statt reden: Viele Christen haben Angst, von Jesus zu reden. Ein guter Anfang ist zuzuhören.3 Dazu müssen wir keine Islamspezialisten sein. Jeder Mensch möchte gesehen und gehört werden. Nach dem Hören wird auch die Zeit des Redens von Jesus kommen. Deshalb schweigen statt überzeugen! Empfangen statt schenken: Geschenke haben in allen Kulturen eine wichtige soziale Funktion.4 Meine Frau verteilt gerne Kuchen an alle Hausbewohner. Wir mussten aber auch lernen, Geschenke zu akzeptieren. Dazu gehört, selbst bedürftig zu werden und um Hilfe zu bitten. Dadurch werden wir als gleichwertige Menschen wahrgenommen. Auch Ausländer freuen sich zu schenken. Deshalb annehmen statt stolz abweisen! Integration statt Duldung: Christen aus dem globalen Süden wollen gut in der Gemeinde aufgenommen werden, anstatt als exotische Vorzeigeminderheit geduldet zu sein.5 Ein Repräsentant pro Kultur gehört in die Gemeindeleitung. Damit zeigen wir, dass wir diese Christen wirklich bei uns haben wollen und brauchen. Das wird unsere wohltemperierten deutschen Gottesdienste etwas lauter, chaotischer und bunter machen. Deshalb ins Zentrum statt an den Rand! Die Liebenzeller Mission ist ursprünglich aus dem deutschen Zweig der China-InlandMission hervorgegangen. Die Unterstützerkreise der damaligen Zeit haben sich in Gemeinschaften und Gemeinden gesammelt. Heute haben sich die Weltkirche und die missionarischen Herausforderungen völlig verändert. Wo hat die Liebenzeller Mission am meisten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen? In Deutschland! Die missionarischen Herausforderungen sind im Land der Reformation mittlerweile so groß geworden, dass wir von der China-Inland-Mission zur Germany-Inland-Mission geworden sind.6 FOTO: MARTIN HAUG Ja, Deutschland ist heute ein „Missionsland“. Das war es aber schon immer, wie jedes Land dieser Erde. 1 Mit „Mission“ meine ich in diesem Artikel die Mission der Jünger und der Kirchen. 2 Der Schwerpunkt liegt auf Missionsgesellschaft, Missionsagenten, Missionsauftrag, also auf der Mission der Jünger. 3 Dazu empfehle ich den sehr guten Präsesbericht von Steffen Kern mit dem Titel „Hören“, anlässlich der Mitgliederversammlung des Gnadauer Verbands dieses Jahr: www.gnadauer.de/praesesbericht-2026. 4 Siehe das grundlegende Werk von Marcel Mauss, Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften (13. Auflage), Suhrkamp 2024. 5 Hierzu empfehle ich das sehr gute Buch meines Kollegen von der Internationalen Hochschule Liebenzell, Dr. Friedemann Burkhardt, Zusammen leben in Gottes Haus: Gemeinde interkulturell gestalten, Neufeld 2025. 6 Natürlich vergessen wir dabei nicht die transnationale Mission über Deutschland hinaus.
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