ZUM THEMA FRANKREICH 16 FOTOS: EVELYN THEURER Und wenn es knirscht? Als Neuling bekommt man einen einmaligen Einblick in Gruppen, Städte, Gemeinschaften. Die frische Perspektive legt offen, wofür andere schon blind geworden sind. Das birgt Chancen zu Veränderungen – und Konfliktpotenzial. Evelyn Theurer war über 13 Jahre in der Kinder- und Jugendarbeit der Liebenzeller Mission tätig. Seit 2008 arbeitet sie in Frankreich, zunächst ein Jahr in Coutances, dann sieben Jahre in Alençon (Normandie) und weitere sieben Jahre in La Roche-sur-Yon und Les Herbiers im Nordwesten des Landes. Seit Oktober 2025 baut sie eine gemeindeübergreifende Frauen- und Familienarbeit im Nord-Elsass auf. Rundbriefe und mehr: www.liebenzell.org/theurer Als ich im vergangenen Jahr von der Vendée ins Elsass zog, musste ich zunächst Gemeinden und Gemeindeverbände kennenlernen: ihre Abläufe, ihre Art zu leiten und Gemeinde zu leben. Gleichzeitig müssen auch die Gemeinden mich mit meinem geistlichen Hintergrund und meinen Werten kennenlernen. Wahrnehmen, nachfragen, versuchen zu verstehen: Das alles kostet Kraft. Optimal ist es, wenn ein Austausch darüber entsteht, warum man Dinge auf eine bestimmte Weise tut. Wenn jeder seine Wahrnehmung äußern darf, können wir gemeinsam überlegen, wie man mit unterschiedlichen Ansichten umgeht. Dabei ist es wichtig, die von Jesus gebotene gegenseitige Liebe und Vergebung zu praktizieren. Es schockiert mich, wenn Gemeindeglieder untereinander unversöhnlich bleiben oder Gemeinden miteinander im Streit liegen. Dort möchte ich Friedensstifterin und Helfende sein, damit sich die einzelnen Parteien ihres eigenen Anteils bewusst werden und miteinander sprechen. Fragen, die auftauchen Neulich war ich zum Mittagessen bei einer Familie eingeladen – ein Gemeindeverantwortlicher, seine Frau und die zwei erwachsenen Kinder. Wir unterhielten uns über die Gemeinde. Dabei stellten wir fest, dass der Gottesdienstablauf nicht nur für mich sehr herausfordernd ist. Vor der Predigt wird etwa sechsmal im Wechsel erst ein Bibeltext gelesen und dann ein Lied gesungen. Wir fragten uns, wie man so in die Anbetung kommt und wie dieser Teil des Gottesdienstes anders gestaltet werden könnte. Auch das Abendmahl wurde thematisiert. Die 18-jährige Tochter wird demnächst getauft, um sich ganz bewusst zu Jesus zu bekennen. Doch vorher durfte sie, die Jesus liebt und ihn als ihren Erlöser angenommen hat, das Abendmahl nicht einnehmen. Wir stellten fest, dass diese Themen einmal ganz offen in der Gemeinde angesprochen werden sollten. Oft brauchen jüngere oder neue Gemeindebesucher etwas anderes als Gemeindeglieder, für die das schon immer normal war. Wie kann man da aufeinander zugehen und nach Lösungen suchen? Doch der Verantwortliche schwieg. Er weiß, dass es dazu sehr diverse Standpunkte gibt und eine einfache Lösung nicht in Sicht ist. Lebt man dann einfach so weiter? Lässt man Unzufriedenheit zu? Riskiert man, dass Personen die Gemeinde verlassen? Oder versucht man, sich aufeinander zuzubewegen und bewusst die Stellen anzugehen, wo es knirscht? Gerne möchte ich Helfende sein, damit konstruktive Gespräche entstehen und Gemeinde sich weiterentwickelt. Evelyn Theurer Die Altstadt von Straßburg mit dem Münster, dem bekanntesten Wahrzeichen des Elsass
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