ratlos 16 ratlos vor afrika Das Schleppertum ist mittlerweile für arme oder gescheiterte Staaten wie Niger, Tschad und Libyen eine der wichtigsten Einkommensquellen und der einzige „Wirtschaftszweig“, der wirklich floriert. Mehr als 160.000 Menschen durchquerten allein in der ersten Jahreshälfte 2016 den Niger, um irgendwie nach Europa zu gelangen. Der praktizierte „Menschenhandel“ ist in vielen afrikanischen Ländern noch nicht einmal strafbar. Der Flüchtlingsstrom von 2015 mit allen seinen Folgen bis in die aktuelle Weltpolitik hinein ist noch nicht verarbeitet, geschweige denn gelöst. Die Diskussion tobt zwischen radikaler Öffnung und radikaler Abschottung. Würde man die Grenzen öffnen, so würden sich nach Schätzungen von Experten mehr als 60 Millionen Menschen aus Afrika nach Europa aufmachen (2016 waren es geschätzt „nur“ 120.000). Europa würde, dazu muss man kein Prophet sein, im Chaos versinken – von den politischen Folgen einmal ganz abgesehen. Die bereits hier lebenden afrikanischen Migranten erwirtschaften oft in prekären Arbeitsverhältnissen ein europäisches Einkommen, das ihren Familien in Afrika zugutekommt. Schätzungen zufolge schicken sie jährlich sechs bis sieben Milliarden Euro nach Hause. Das ist die mit Abstand effektivste Entwicklungshilfe für den wirtschaftlich vom Rest der Welt abgehängten Kontinent – und ein Vielfaches der Entwicklungshilfe für diese Länder. Für afrikanische Staaten sind private Überweisungen lebenswichtig. Der positive Effekt: Das Geld landet dort, wo es am sinnvollsten genutzt werden kann. Denn Entwicklungshilfe landet allzu oft bei korrupten Eliten und nicht dort, wo sie produktiv werden und Entwicklung erzeugen kann. Sie verstärkt verkrustete, ineffektive und korrupte Systeme, wo eigentlich ein tief greifender Wandel nötig wäre. Das ist bei den Überweisungen der Flüchtlinge anders. Können also Afrikaner ihrem Kontinent nur von Europa aus helfen? Die europäischen Regierungen einschließlich der Bundesregierung haben das Problem längst erkannt: „Deutschland hat ein Interesse am Wohlergehen Afrikas“, so die Kanzlerin. Man will Zukunftschancen in Afrika in Form von Ausbildungsplätzen, lokalen Wirtschaftsstrukturen usw. schaffen, damit Menschen in Afrika menschenwürdig leben können. Deutschland will helfen – großzügig helfen. Aber das Problem ist vertrackt: Warum sollten afrikanische Staaten und ihre Eliten die zahllosen Fluchtursachen bekämpfen, wenn sie vom FlüchtlingsBusiness ganz gut leben? Warum sollten sie Landsleute aufhalten, wenn diese aus Europa mehr Geld in ihre Länder überweisen, als sie an Entwicklungshilfe bekommen? Warum sollten sie ihre jungen Männer zurückhalten, wenn diese Flüchtlinge in Europa Druck erzeugen, der ihnen zusätzliche Hilfsgelder bringt? Und warum sollten sie ihre als Asylbewerber abgewiesenen Landsleute zurücknehmen, wenn das für sie in jeder Hinsicht ein Minusgeschäft ist? Umgekehrt lassen sich die Probleme Afrikas nicht lösen, wenn die aktivsten und kreativsten Afrikaner sich auf eine hochriskante und lebensgefährliche Flucht nach Europa „schleppen“ lassen. Das Problem macht ratlos. Es braucht einen Mentalitätswechsel – und zwar bei den Afrikanern und bei uns: Wir müssen einsehen, dass wir mit direkten Hilfsgeldern Afrika in vielen Fällen nicht helfen können. Afrika kann sich nur selbst helfen. Es braucht vielmehr echte Partnerschaft, keine Almosen. Prof. Dr. Volker Gäckle l europa ist alarmiert und blickt wieder einmal nach afrika. dieses mal ist die betroffenheit unmittelbarer, weil afrika nach europa „geschleppt“ wird. Prof. dr. Volker Gäckle ist verheiratet mit Bettina und vater von drei kindern. der frühere studienleiter für Neues testament am albrecht-Bengel-haus in tübingen war ab 2006 direktor des theologischen seminars der liebenzeller mission. als professor für Neues testament ist er seit 2011 rektor der internationalen hochschule liebenzell (ihl). Panne bei einem Flüchtlingstransport im Tschad Fotos: istockphoto/Yoh4NN Foto: lm-archiv
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