19 men wir dummerweise Unachtsamkeit in der Opferrolle deutlich intensiver wahr als in der Täterrolle. Unachtsamkeit in unseren familiären, gemeindlichen und gesellschaftlichen Beziehungen äußert sich in unendlich vielen Variationen und zeitigt schmerzliche Früchte. Ist es die schleichende Erfüllung der apokalyptischen Ansage Jesu, dass die Liebe in vielen erkalten wird? Der Verlust von Respekt und Achtsamkeit, auch als Verrohung unserer Gesellschaft wahrgenommen, geht einher mit der Perfektionierung der Mikro- und Makrotechnologie mit dem Ziel, minimale Winzigkeiten und maximale Gigantismen zu erforschen und wahrzunehmen – mit zunehmendem Erfolg. Doch der Verlust an grundlegenden zwischenmenschlichen Kompetenzen wird dadurch nicht kompensiert. Nein, es muss noch gar nicht die Qualität einer absichtlichen oder sogar bösartigen Respektlosigkeit oder Unachtsamkeit haben, die unser Miteinander erkalten lässt. Es reicht auch schon der Impuls, noch schnell etwas tun zu wollen: Die Kartoffeln auf den Herd stellen und rasch einen Anruf erledigen und während des Telefonats eingegangene E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten sichten. So gehen wir die meiste Zeit unbewusst durch den Alltag: gehetzt, gestresst und ohne Muße. Der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn nennt dies eine „roboterhafte Art zu sehen, zu WEITERDENKEN >> SONDERBEITRAG VON CHRISTIAN KIMMICH denken und zu handeln“. Was soll auch anderes dabei herauskommen, wenn unser Alltag immer mehr „roboterisiert“ wird? So werden wir als Opfer unserer Multitasking-Erwartungen zu Tätern der Unachtsamkeit. 1. Respektlos, weil respectus-los Doch die eigentlichen Ursachen liegen tiefer. Wollen wir lernen, respektvoll miteinander umzugehen, dann kommen wir um eine „Respektive“ nicht herum. Respekt (lateinisch respectus) bedeutet „Zurückschau, Rücksicht, Berücksichtigung“ oder als Verb (respicere) „zurücksehen, berücksichtigen“. Der Blick zurück kann mir eine realistische Antwort geben auf die Fragen, wer mir in meinem Leben Wert und Würde vermittelt hat, wer mein Selbstbewusstsein gestärkt, in Frage gestellt oder gar zerstört hat, wie mir Grenzen setzen und Grenzen akzeptieren vermittelt wurde, mit welchen positiven oder negativen Selbstüberzeugungen ich ins Leben gestartet bin und diese heute noch in mir trage – sprich: Wer oder was hat meine Identität geprägt? Die Mathematik ist so einfach wie schmerzlich: Je realistischpositiver dieser Blick zurück ausfällt, desto respektvoller wird mein Umgang mit mir selbst und anderen sein. Was wir für einen achtsamen Umgang miteinander brauchen, ist eine realistische und gefestigte Identität. Soweit zum Ideal. Was unsere Gesellschaft aber dafür tut, ist das krasse Gegenteil. Identität wird anscheinend gar nicht mehr gewollt. Aus dem Thermomix der Ideologien entkommen wir nur mit einem Schleudertrauma unserer Identität. Wie soll aus diesem Rückblick eine gesunde Selbstannahme gelingen? Selbstannahme wird heute als psychosozialer Entwicklungsschritt betrachtet, der sich quasi halbautomatisch ereignet. Romano Guardini, katholischer Religionsphilosoph und Theologe, lehrte noch in der Spur der Väter, dass Selbstannahme neben den Kardinaltugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe, Gerechtigkeit, Maß und Mut) eine der erstrebenswerten Tugenden sei. Sie zeigt sich in der Geduld im Umgang mit sich selbst. Dass Selbstannahme als erlernbare Tugend und nicht als Automatismus gelehrt wurde, zeigt den unverstellten Blick der Väter zurück: Sie muss deswegen gelehrt werden, weil keiner mit der Fähigkeit dazu geboren wird. Selbstannahme unter Berücksichtigung einer Krise der Geschlechter- und Rollenzuordnung kann daher bestenfalls zu einer narzisstischen Selbstbespiegelung führen. Und selbst der beste „christliche Stall“ ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen und garantiert eben keine gefestigte Identität. Weder erzwungene Demut noch fromme Beliebigkeit unter dem Deckmantel reformatorischer Freiheit ergibt Stehvermögen. Wirkliche und gesunde Identität lässt sich eben nur sehr bedingt pädagogisch vermitteln. Die bereits erwähnte, inflationär sich verbreitende Missbildung der Identität ist der Narzissmus, auch im frommen Gewand. Der österreichische Rechtspsychologe und Psychiater Reinhard Haller beschreibt in seinem Buch „Die Narzissmusfalle“ die Geschichte und die Charakteristika dieser Identitätsmutation. Narziss – aus der Geschichte des griechischen Philosophen Ovid – lebte zeitgleich mit Jesus, aber in völligem Gegensatz zu diesem. Narziss war so in sich selbst verliebt, dass er in seinem eigenen Spiegelbild in einem Brunnen ertrank. Das charakteristische Quadrat des Narzissmus beschreibt Haller mit den vier E: MISSION weltweit 7–8/2017 Was wir für einen achtsamen Umgang miteinander brauchen, ist eine realistische und gefestigte Identität. Respekt!
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