ZUM THEMA 14 MITTLERER OSTEN Dankbar setze ich mich mit dem Baby an den Tisch, um die Ruhe und den Kaffee zu genießen, bevor das Chaos beginnt. In unserem Haus ist immer etwas los: Die sechsjährige Jasmin* mit ihrem kreativen Kopf und den Ameisen im Po, der vierjährige Nathan*, der morgens um sechs schon voller Ideen steckt, der zweijährige Rafael*, der immer ganz genau weiß, was er will – und das Baby. Als mein Mann und ich vor neun Jahren in die arabische Welt ausreisten, konnten wir unsere Idealvorstellungen gut umsetzen: Frisch verheiratet und kinderlos hatten wir viel Zeit, Arabisch zu lernen, jeden Tag mit Einheimischen zu verbringen, jederzeit erreichbar zu sein – und vor allem Ruhe zum Kaffeetrinken und Bibellesen. Ich hatte große Träume und betete viel dafür, dass Einheimische zum Glauben kommen. Mein Ziel war es, einmal im Jahr die Bibel durchzulesen. Ich betete für Heiligung in meinem Leben und versuchte, jeden Tag ein bisschen mehr wie Jesus zu werden. Schokolade, Datteln und Lobpreis mit Kleinkind Vor ein paar Tagen gestand ich meinem Mann, dass ich schon lange nicht mehr für meine Heiligung gebetet habe. Daraufhin lachte er und meinte: „Jahrelang hast du dafür gebetet und jetzt kannst du alles in die Praxis umsetzen!“ Meine Gedanken wandern zu einem Besuch bei einer einheimischen Freundin diese Woche. Meine beiden Großen spielten draußen, während ich mit den zwei Kleinen ins Haus ging. Das Baby war unruhig und wollte nur auf dem Arm gehalten werden. Mein Zweijähriger lief aufgeregt umher. Er liebt das Kaffeetrinken bei Einheimischen: Die Frauen sitzen gemeinsam im Kreis auf dem Boden, und alle Leckereien sind für ihn zum Greifen nah. Genüsslich nahm er sich erst Schokolade, dann Datteln. Kurz darauf stieß er die Wasserschüssel um, die zum Händewaschen benutzt wird. Innerlich wurde ich unruhig und wollte ihn am liebsten anbinden. Doch ich hatte keine Hand frei, hielt ich doch das Baby und versuchte gleichzeitig, entspannt auszusehen. Ich wünschte mir, mich wenigstens ein bisschen unterhalten zu können. Da kam Nathan weinend zur Tür herein: Ein älterer Junge hatte ihn verletzt, nun wollte er zum Trost auf meinen Schoß. Gleichzeitig bekam das Baby Hunger. Ich merkte: Es würde nichts mehr werden mit einem angenehmen Besuch. Ich entschuldigte mich bei meiner Freundin und floh nach Hause. Mein nächster Gedanke wandert zum Gottesdienst diese Woche: Ich versuchte, vor Gott zur Ruhe zu kommen und die Anbetungslieder mitzusingen. Keine Chance. Mein zweijähriger Sohn piekste mich mit angesabberten Fingerchen in die Augen und grinste. Erst war ich genervt, dann musste ich lächeln. Irgendwie war das aber nicht, was ich mir unter einer Anbetungszeit vorstelle. Meine Kraft ist begrenzt – Gottes Liebe nicht Ich habe immer noch den gleichen Wunsch wie vor neun Jahren: Gott nahe zu sein und ihn mit meinem Leben zu ehren. Doch in meiner Lebenssituation kann ich das nicht so umsetzen, wie ich Gott entfernt sich nicht von dir, nur weil du gewisse Dinge nicht tust. Kindertrubel und Berufung Jeden Morgen zaubert mir mein Mann einen leckeren Kaffee auf den Tisch. Er mahlt die Bohnen von Hand, stellt das Mokka-Kännchen auf den Herd, bereitet Milchschaum zu – wenige Minuten später steht ein perfekter Cappuccino vor mir. * Namen geändert
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