"Als Mk in Deutschland"
Matthea Rauchholz wurde als Kind einer Missionsfamilie geboren. Sie arbeitet zur Zeit als Assistenzärztin im Vincentius-Krankenhaus.
Ich stehe im Operationsaal und assistiere durch Hakenhalten bei einer Operation (im Rahmen eines Praktikums für mein Medizinstudium). Plötzlich fragt mich der Oberarzt: "Wo sind Sie denn geboren?" Im ersten Moment bin ich erschrocken. Wie kommt er gerade auf diese Frage? Es gibt doch tausend andere Fragen, die er hätte stellen können! Ich hatte bis jetzt noch nicht viel gesprochen, so konnte es eigentlich nicht aufgefallen sein, daß ich ab und zu "den" und "dem" (Akkusativ und Dativ) verwechsle und gelegentlich noch ein kleiner amerikanischer Akzent zu hören ist. "Auf Guam", antworte ich. "Wo ist denn das?" will der Oberarzt wissen. Eine typische Frage! In Deutschland weiß kaum jemand, wo Guam liegt. "Guam ist eine Insel in Mikronesien im Pazifik zwischen Hawaii und den Philippinen", antworte ich. "Wie sind Sie denn da hingekommen?" "Durch meine Eltern..." "Wo sind Sie denn zur Schule gegangen? Wie haben Sie ihr Abitur geschafft?" Ich versuche diese Fragen möglichst knapp zu beantworten, da ich nicht meine ganze Lebensgeschichte erzählen will.
Auch heute noch werde ich von Patientinnen angesprochen über meine Herkunft, aufgrund des fehlenden badischen Akzentes. "Sie sind aber nicht von hier...".
MK = Missionarskinder
Da, mitten im Operationssaal, wird mir wieder einmal bewußt: "Du bist anders als die anderen." Ich sehe zwar aus wie eine Deutsche, rede deutsch und habe gelernt, mich in etwa so zu verhalten, fühle mich hier wohl, besitze einen deutschen Paß, habe viele deutsche Freunde, aber meine Vergangenheit ist nicht typisch deutsch, sondern eher wie die der Ausländer. Ich bin ein Missionarskind, kurz MK genannt.
Wie viele Missionarsfamilien sind wir auch oft umgezogen. Insgesamt habe ich drei Jahre in den USA, vierzehn Jahre in Deutschland, drei Jahre in Japan und elf Jahre auf der Insel Chuuk (Mikronesien) gelebt. In jeder dieser Länder besuchte ich auch die Schule. Insgesamt bin ich 15 Jahre zur Schule gegangen: dreimal in die 9. Klasse (in verschiedenen Ländern), zweimal in die 10., dafür aber nie in die 7. Klasse. Drei Jahre war die längste Zeit, die ich ohne Unterbrechung in derselben Schule war. Meine Geschwister und ich wechselten ständig zwischen den Schulsystemen der USA, Deutschlands und der Chuuk-Inseln.
MK: Deutschland - Heimat?
Diese verschiedenen Kulturen, in denen wir lebten, prägten uns, und wir haben jeweils einen Teil davon übernommen und miteinander vermischt. So kochen wir in unserer Familie z.B. am liebsten Gerichte mit Reis und Soyasoße, essen aber andererseits auch gerne Spätzle. Und in unseren Zimmern haben sich Relikte aus den verschiedenen Ländern in Form von Bildern und Gegenständen angesammelt, was bei Besuchern schon mal Erstaunen hervorruft.
Durch den häufigen Wechsel sind wir von verschiedenen Menschen, Ereignissen und Umständen geprägt worden. Wir können uns sogar ein Leben außerhalb Deutschlands ohne Schwarzwälder Kirschtorte, Spätzle, Äpfel und allem Wohlstand gut vorstellen!
Ich erinnere mich an einer Abreise meiner Eltern, als ein lieber Freund der Familie meine Schwester und mich zu trösten versuchte: "Ihr könnt froh sein, daß ihr in Deutschland bleiben dürft!" Dabei wären wir am liebsten mit ins Ausland gegangen. Denn Deutschland ist für uns nicht Heimat. Aber wir wußten, daß unsere Eltern in Mikronesien gebraucht wurden, und wir in Deutschland unsere Ausbildung machen mußten.
Seit vierzehn Jahren leben nun einige meiner Geschwister und ich in Deutschland. Unsere Eltern sind wieder nach Mikronesien ausgereist. Als wir das erste Mal alleine in Deutschland zurückblieben, war noch vieles fremd, da wir erst 3 1/2 Jahre unseres Lebens hier verbracht hatten. Wir wurden gezwungen, recht bald selbständig und unabhängig zu werden. Wir mußten viel lernen, vor allem in bezug auf den Papierkrieg mit verschiedenen Ämtern und Formularen, bei dem wir gerne väterlichen Rat in Anspruch genommen hätten. Deshalb waren wir sehr dankbar für die Hilfe der Väter und Mütter von Freunden unserer Familie!
Wenn Probleme auftreten, können wir nicht einfach für eine Mark zu Hause anrufen, sondern müssen schon mit sehr viel mehr rechnen! Wenn andere sich über ihre 50 Euro Telefonrechnung beklagen, stoßen sie damit bei uns auf Unverständnis. Denn schon ein kurzer Anruf nach Hause zu unseren Eltern oder Bruder im Ausland treibt die Rechnung so in die Höhe, daß wir mit 50 Euro pro Monat völlig zufrieden wären!
Manchmal tut es einfach gut, die Stimme der Eltern und Geschwister zu hören! Es war eine große Hilfe, daß auch meine beiden Schwestern und meine Tante in Deutschland wohnen. Trotz der großen Entfernungen haben wir innerhalb der Familie eine tiefe und enge Beziehung zueinander. Auch nach Jahren sind unsere Herzen und Gedanken noch öfters in der Ferne. Heimweh nach den Freunden, der Heimat, die Hitze und der Familie gibt es weiterhin, nur fällt es uns schwer, dies zu zeigen. Vieles haben wir für uns behalten, weil wir meinten, daß uns doch niemand verstehen würde. Anders war dies jedoch innerhalb der "MK-Familie".
Während unserer Anfangszeit in Deutschland war die Gemeinschaft mit anderen in einer ähnlichen Situation sehr hilfreich und wichtig für uns. Durch unsere ähnliche Vergangenheit verstehen wir uns sehr gut, auch wenn wir uns aufgrund der Entfernung nur selten treffen. In diesem Kreis, wo wir uns angenommen wissen, reden wir auch über unser "Heim- und Fernweh". Mittlerweile ist aber auch das Vertrauen zu unseren deutschen Freunden sehr gewachsen.
Einsichten und Aussichten
Deutschland ist aber auch Missionsfeld. Viele Menschen in unserer Umgebung können durch uns über Gottes Liebe erfahren, wenn wir bereit sind uns als seine Botschafter gebrauchen zu lassen. Dazu müssen wir nicht in die Südsee fliegen! So kann jeder von uns Missionar sein da wo wir gerade sind- in der Ausbildung, im Geschäft und in der Nachbarschaft. Auf den Inseln wußten die Menschen, daß wir Missionare/Missionarskinder waren. Hier ist es leichter aufgrund der Anonymität als Christ unterzutauchen. Gott möchte aber das wir als seine Kinder seine Botschaft weitererzählen. Wissen unsere Freunde, Kollegen und Nachbarn, daß Jesus sie liebt?
Was uns hier als elternlose Kinder eine große Freude und Hilfe war, waren Familien, die ein offenes Haus für uns hatten und Menschen, die für uns da waren, wenn wir Rat brauchten. Solche Liebe zu erfahren, ist sehr wertvoll, denn es ist ein Ausdruck der Liebe Gottes zu uns.
Wir sind für unsere Herkunft und alle Erfahrungen, die wir als MK machen, sehr dankbar; unser Leben wurde dadurch sehr bereichert. Auch in schweren Zeiten durften wir erfahren, daß "denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen", Römer 8,28. Es hat keine Situation gegeben, in der uns Gott verlassen hat, und wenn sie noch so aussichtslos erschien. Wir erfahren, daß Gott unser Vater ist, der uns trägt, erzieht, versorgt und liebt.
Auch nach Jahren bleibt uns vieles in Deutschland noch fremd. Wir kommen uns manchmal wie Ausländer vor. Gerade in bestimmten Bereichen wie Musik, Schlagerszene oder Fernsehsendungen können wir wenig mitreden.
Dadurch, daß für meine Geschwister und mich Englisch die Muttersprache ist, und wir erst als Teenager richtig Deutsch lernten, fehlen uns oft bestimmte Begriffe, Bezeichnungen oder Redewendungen der deutschen Sprache, und auch unsere Allgemeinbildung läßt noch zu wünschen übrig. Dazu gehört natürlich auch etwas Eigeninteresse von unserer Seite aus, mehr "Deutsches" kennenlernen zu wollen, um z.B. den Unterschied von einer Schweinshaxe und Kassler zu lernen!
Es ist für uns sehr wichtig zu wissen, daß wir in Deutschland sind, weil Gott uns jetzt hier haben und gebrauchen möchte. Deutschland ist ein schönes Land und bietet uns auch Möglichkeiten, eine Ausbildung bzw. ein Studium zu absolvieren, was in Mikronesien nicht möglich gewesen wäre.
M. Rauchholz

