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Frankreich

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Das geografische Sechseck wird zentralistisch regiert und ist abseits der Ballungszentren dünn besiedelt. Jahrhundertelang wurde eine christliche Lebensgestaltung behindert. Der Besitz einer Bibel war von der katholischen Kirche fast 375 Jahre lang verboten. Seit 1905 gibt es aufgrund der klaren Trennung zwischen Kirche und Staat keinen Religionsunterricht an allgemeinbildenden Schulen. Mit nur 0,6 Prozent ist der Anteil der ihren Glauben lebenden Christen so niedrig wie in nur wenigen Ländern dieser Erde.
 

Frankreich: Du sollst den Fremden lieben

Ein Bericht von Peter Rapp.


Peter Rapp
lebt seit mehr als 20 Jahren in Frankreich und hat mit seiner Frau Sigrun die Gemeinde in Alençon gegründet. Im Sommer übernehmen Rapps eine neue Aufgabe in der Normandie.

In unseren Gottesdienst in Alençon kommen Christen aus afrikanischen Ländern, aus französischen Überseegebieten, aus Asien und – aus der Normandie. An manchen Sonntagen sind sehr viele Besucher im Gottesdienst. An anderen herrscht gähnende Leere – dann sind nur einige alte Leute und Kinder da.

Ob es daran liegt, dass sich unsere schwarzen Gemeindeglieder wieder einmal nicht aufraffen konnten? Sie erleben und fürchten Ablehnung und sind oftmals frustriert. Oder hat ihre Abwesenheit mit dem Kulturschock zu tun, weil in Frankreich alles anders läuft als zu Hause?

 

Emmanuel, der Kinderarzt, fährt hin und wieder zu Ärztekongressen nach Paris. Die Plätze im Hochgeschwindigkeitszug TGV sind nummeriert. Jeder setzt sich auf den Sitz mit der Nummer, die auf dem Fahrschein aufgedruckt ist. Es passiert öfter, dass Menschen mit weißer Hautfarbe sich abwenden und einen anderen Platz belegen, obwohl dieser nicht auf der Fahrkarte steht – nur damit sie nicht neben Emmanuel oder anderen Schwarzen sitzen müssen. Von Mitmenschen so zurückgestoßen und ungleich behandelt zu werden, tut sehr weh, meint Emmanuel. „Das führt dazu, dass man manchmal einfach keinen Schritt mehr vor die Tür setzen will und sich zu Hause verkriecht.“

 

Rebecca kommt von der Karibikinsel Martinique und studiert in Alençon fürs Lehramt. Sie ist gläubig und hat mit sehr viel Engagement ihr Studium begonnen. Seit einigen Wochen ist ihre Stimmung getrübt. In ihrem Studiengang seien viele Leute rassistisch eingestellt. Auch einige Lehrer akzeptierten sie nicht wegen ihrer dunklen Hautfarbe. Anfangs hat Rebecca treu am Gottesdienst und der Jugendgruppe teilgenommen. Inzwischen ist sie sehr frustriert: Die Situation an der Universität und die oft wenig engagierten jungen Leute in unserer Gemeinde tragen nicht gerade zu ihrem Wohlbefinden bei. So ist es unsere Aufgabe, Rebecca ein offenes Ohr zu schenken, sie zu ermutigen und immer wieder einzuladen.

 

Auch Melisa hat braune Haut. Sie erzählt: „Ich ging im Supermarkt einkaufen und gab der Kassiererin einen Geldschein. Sie warf mir das Wechselgeld vor die Füße: ‚Ich mag keine Schwarzen!’ Vor einigen Jahren wohnte ich noch in einem Vorort von Paris. Dort war es nichts Außergewöhnliches, schwarz zu sein. Wir wurden gleichwertig behandelt. Aber hier in Alençon haben die Leute so viele Vorurteile. Der Bürgermeister müsste da etwas machen.“

 

Unser prominentestes Gemeindeglied ist Dr. Fidel Moungar. Er ist Chirurg, verheiratet mit der OP-Schwester Corinne und Vater von vier Kindern. Fidel kommt gerne in die Gemeinde, soweit es seine vielen anderen Verpflichtungen erlauben. Er macht die Einleitung im Gottesdienst und predigt auch hin und wieder. Schon als Gymnasiast wollte der Sohn eines Händlers und Pastors aus Westafrika anderen Menschen helfen. Studieren konnte er mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Als er sein Studium beendet hatte, brach im Tschad der Bürgerkrieg aus. Eine Rückkehr in die Heimat schien unmöglich. 1983 wurde er als Gesundheitsminister für den Tschad angefragt. Aus familiären Gründen lehnte er damals ab.

Als Arzt ist Fidel Moungar in unserer Stadt angesehen. Aber auch als Bürger, der Verantwortung übernimmt und sich in der Lokalpolitik einsetzt. Was zeichnet aus seiner Sicht einen guten Politiker aus? „Er darf durch die Macht nicht profitieren, sich nicht bereichern. Er soll ein eigenes Einkommen haben, um unabhängig zu bleiben. Er soll dienen, ohne sich zu bedienen.“ Der Redakteur einer Tageszeitung meinte in einem Porträt über Fidel, dass diese Sicht „von seiner evangelischen Erziehung genährt sei“.

Fidels Haltung begeisterte auch François Mitterand, der ihn 1992 bat, einen Ministerposten im Tschad zu übernehmen. Dieses Mal sagte Fidel zu. Er wurde Bildungsminister und 1993 bei demokratischen Wahlen sogar zum Regierungschef des Tschad gewählt. Seine Linie änderte er nicht: kein pompöser Regierungssitz, keine Bestechung. Das machte ihn bei anderen Politikern unbeliebt, und er wurde aus seinem Amt gedrängt. Fidel Moungar kehrte nach Frankreich zurück – und bereichert durch sein Engagement unsere Stadt und unsere Gemeinde.

 

Christine* ist Französin und kommt seit einigen Jahren regelmäßig zum „Freundschafsclub“. Dieser findet monatlich statt. Wir behandeln ein Thema und danach ist Gelegenheit zum Gespräch bei einer Tasse Kaffee und Gebäck. Der Freundschaftsclub ist eine gute missionarische Möglichkeit, durch die wir vor allem Menschen erreichen, die nicht regelmäßig zum Gottesdienst kommen. Christine ist immer sehr angetan von den Themen und unterhält sich gerne mit den anderen Besuchern. Ihr Mann und ihr Sohn dürfen nicht wissen, dass sie zu uns kommt.

Vor einer Woche kam Christine zur Tür herein. Es war wieder Freundschaftsclub. Sie erzählte: „Ich komme gerade von einem mehrwöchigen Aufenthalt in der Psychiatrie. Nichts ging mehr. Ich hatte keine Lust mehr zum Leben, ich konnte nicht mal mehr kochen. Schließlich bat ich, dass man mich einliefert.“

Nur durch ein Wunder habe sie den heutigen Termin des Freundschaftsclubs erfahren. Als sie nach Hause gekommen sei, hätte sie „zufällig“ unseren Einladungszettel zerknüllt im Papierkorb gefunden. Und dann habe sie sich gleich auf den Weg gemacht …

Nach einigen Wochen der Behandlung ist Christine nun wieder zuversichtlicher. Wir sind froh, dass wir sie auf dem Weg zum Glauben begleiten können und dass ihr die Themen des Freundschaftsclubs eine Hilfe sind. Sie ist mit ihren psychischen Problemen kein Einzelfall. In keinem anderen Land der Erde werden so viele Beruhigungs- und Schlafmittel konsumiert wie in Frankreich.

* Name geändert