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Mittwoch 25. April 2018 - 09:00

Schwester Sabine Matthis: Täglich bei null anfangen

RUSSLAND. Immer wieder werden unsere Missionare in Russland mit gesellschaftlichen und rechtlichen Schranken konfrontiert. Auch Schwester Sabine Matthis, die sich seit 2008 in die Gründung von Gemeinden in Berjosowski investiert, erlebt neben vielen Menschen, die neugierig sind, von Jesus zu hören, einige Herausforderungen bei ihrer Arbeit. Bis Juli ist sie in Deutschland, um von ihren Erlebnissen im Ural zu berichten. Wir haben Schwester Sabine drei Fragen gestellt.

Welche Herausforderungen erlebst du derzeit in der Missionsarbeit in Berjosowski?


Es ist schwierig, Kontakte zu knüpfen. Denn die meisten Menschen sind berufstätig und Ältere kümmern sich oft um ihre Enkel oder verdienen sich etwas zu ihrer Rente dazu. Anders als in Deutschland gibt es hier auch wenige Gruppenangebote, wo man sich beispielsweise zur Gymnastik treffen kann. Hinzu kommt, dass ich keine eigene Familie habe, und sich so auch keine automatischen Kontakte in Schule oder Kindergarten ergeben. Ich muss mir – als Alleinstehende – also Räume erschließen, um Menschen zu begegnen. Spontan gibt es immer wieder Möglichkeiten, in Schulen Deutsch zu unterrichten. Auch in einer Bibliothek gebe ich seit Kurzem kostenfreien Unterricht. Durch beides kann ich Kontakte knüpfen. Doch folgt rasch die nächste Hürde, denn das Gesetz verbietet es mir, in der Schule oder Bibliothek von Jesus weiterzusagen und Menschen in unsere Kirche einzuladen.
Hinzu kommt, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland oft als Sekte wahrgenommen wird. Aber klar: In über 70 Jahren Atheismus gab es keine Unterweisung in der Kirche. Die Lehre, dass es Gott nicht gibt, war so stark verbreitet, dass sie auch heute noch – lange Zeit nach der Öffnung der Kirche – nachwirkt. Viele Menschen kennen uns nicht und es ist herausfordernd, ihnen zu erklären, wofür die Kirche steht und, ihr Vertrauen zu gewinnen. Das sind die Voraussetzungen für unsere Arbeit in Berjosowski. Und inmitten dieser schwierigen Situation möchten wir Menschen dort abholen, wo sie stehen, Geduld aufbringen, keinen Druck ausüben und ihnen helfen, Jesus kennenzulernen und im Glauben an ihn zu wachsen.

Gibt es ein besonderes Erlebnis, das dich bewegt hat?

Letztes Jahr durfte ich Material zum Reformationsjubiläum in der Bibliothek ausstellen. Eine Teilnehmerin kam nach dem Unterricht zu mir und sagte: „Sabine, du bist doch Pastor, stimmt’s?“ Ich verneinte, weil ich nicht ordiniert bin, aber sagte, dass ich zur Kirche gehöre. Sie wollte mehr darüber erfahren. Nach dem Unterricht konnte ich noch einige ihrer Fragen beantworten. Im folgenden Gottesdienst erlebte ich eine Überraschung: Drei meiner 20 Kursteilnehmer kamen – ohne dass ich sie eingeladen hatte, denn das durfte ich ja nicht. Ich war so froh über ihr Kommen und ihre Neugier. Sie erzählten später, dass das Gehörte völliges Neuland für sie war, denn ihnen wurde gelehrt, dass es keinen Gott gibt. Ich bete, dass sie wiederkommen. Daneben habe ich Kontakt zu einem Invalidenverein, wo ich immer wieder vorbeigehe. Dort lernte ich eine Frau und einen Mann kennen, die nun regelmäßig in die Kirche gehen. Letztens legte ich Bibeln aus, und die Frau nahm sich eine mit. Ich denke, sie sind auf der Suche, man merkt, dass Jesus an ihnen wirkt – sonst würden sie nicht kommen.

Was sind deine Wünsche für das Land?

Für unsere Gemeinde in Berjosowski ist es mein Wunsch, dass wir mehr eigene Räume bekommen, die uns neue Freiräume schaffen, nach außen zu wirken. Russland wünsche ich, dass das gemeindeübergreifenden TEE-Programm zur außerschulischen theologischen Ausbildung gut angenommen wird und sich Gruppen bilden, die die Gesamtkirche bereichern. Der Bischof selbst hilft, das Programm verstärkt in Gemeinden zu bringen. Es soll nicht nur Pastoren helfen, sondern auch dazu beitragen, dass Christen mündig und selbstständig werden. Dass Jesus Einzelnen ein Herz und Verlangen dafür schenkt, sich auf das Programm einzulassen und Zeit dafür zu investieren, das wünsche ich mir.