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Donnerstag 28. September 2017 - 16:00

Eine Insel im Pazifik – gefährlich, geächtet und gemieden?

Miriam Pianka in Mikronesien

MIKRONESIEN. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, fragt sich Miriam Pianka, als sie ergriffen von einem Vortrag nach Hause geht. Für den Start eines Bildungsprojekts in Mikronesien sucht die Liebenzeller Mission freiwillige Mitarbeiter. Die Theologiestudentin der Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL) spürt: „Das ist die Gelegenheit, mich für Gott zu investieren!“ Sie folgt dem inneren Ruf und unterbricht zehn Monate ihr Studium, um mit Kindern und Jugendlichen auf der Insel Tol zu arbeiten.

Blutrache, Drogenkonsum, niedriges Bildungsniveau und Kleinkinder, die mit Macheten und Steinschleudern spielen – all das gehört auf Tol zur Tagesordnung. Für die Einheimischen gibt es laut den Bewohnern der Hauptinsel Moin keine Hoffnung mehr, doch gerade das motiviert Miriam und ihre Teamkollegen: „Weil sie von der Gesellschaft abgeschrieben sind, möchten wir diesen Menschen helfen und ihnen ein Licht sein.“

Um das Bildungsniveau nachhaltig zu verbessern, setzt sich das deutsche Team vor allem für die jungen Inselbewohner ein. Neben dem Bau eines Kindergartens wollen sie die Lehrer in Grundschulen und Highschools neu anleiten. Anfangs betreut Miriam eine Vorschul- und Grundschulklasse. Schnell merkt sie, dass die Kinder kaum oder gar kein Englisch verstehen. Sie versucht also, die Schüler spielerisch für die Sprache zu begeistern: „Da Musik in ihrer Kultur sehr wichtig ist, haben wir mit den Kindern englische Lieder gelernt“, erzählt Miriam. Nicht nur die Schüler zeigen Lernbereitschaft, auch die Lehrer lassen sich auf die neuen Ideen ein.

Doch gibt es nicht überall Fortschritte. Ab dem dritten Schuljahr aufwärts werden große Defizite deutlich: „Die Lehrer praktizieren bloßes Nachsagen und die Schüler sind mit einfachen Floskeln überfordert“, schildert die Studentin. Also werden die Klassen der Leistungsstärke entsprechend neu gemischt. Obwohl Miriam die Möglichkeit hat, fortgeschrittene Schüler zu unterrichten, entscheidet sie sich für die zwei schwächsten Highschool-Klassen. Dabei trifft sie auf Heimkinder und verhaltensauffällige Teenager. Als gelernte Jugend- und Heimerzieherin weiß sie jedoch, mit diesen umzugehen. Im Team bringt sie den Schülern Holzarbeit und die dafür nötigen Englisch- und Mathematikgrundlagen bei. Die Arbeit trägt Früchte, doch Raum für tiefergehende Beziehungen bleibt keiner: „Musik verbindet uns, doch die Sprachhürden sind zu groß, um Freundschaften zu knüpfen.“

Plötzlich bekommt Miriam eine schwere Magenschleimhautentzündung und muss ins Krankenhaus. Trotz Schmerzen ist das für sie eine geistlich prägende Zeit, denn sie redet viel mit ihrer Zimmergenossin Sarah, die nierenkrank ist. Miriam stellt fest, dass Sarah aus einem christlichen Umfeld stammt und zur Gemeinde geht – jedoch nur, weil ihre Mutter das wünscht. Sie selbst sieht darin keinen Sinn. „Als Gleichaltrige war es für mich eine tolle Chance, Sarah zu einer persönlichen Beziehung mit Jesus einzuladen und für sie zu beten“, sagt Miriam. Ob das Mädchen die Einladung angenommen hat, weiß sie nicht, denn Miriams Zustand verschlechtert sich und so muss sie den Missionseinsatz abbrechen. Sie fliegt zurück – in der Hoffnung, Sarahs Neugierde geweckt und die Menschen auf Tol berührt zu haben. Gleichzeitig hat sie selbst einige wichtige Erkenntnisse gewonnen: „Durch die Tradition der Blutrache habe ich viel über Sünde und Vergebung nachgedacht. Dabei hat Gott mir aufzeigt, wo Neid und Egoismus auch mein Herz öfter beschweren“, sagt Miriam. In dieser Zeit wird ihr neu bewusst, dass sie weder ihren seelischen, noch ihren körperlichen Heilungsprozess beeinflussen kann: „Alles, was mir bleibt, ist, Gott zu vertrauen, dass er mir vergibt und mich heilt.“ Dass das auch die Menschen auf Tol erkennen, ist Miriam Wunsch: „Ich hoffe, dass sie Vergebung durch Jesus verstehen und erleben dürfen und dass sie den Mut haben, die Blutrache aufzuhalten, damit langfristig Segen auf der Insel entstehen kann.“ Die Chance ist da, denn Miriam hat viele Menschen kennengelernt, die trotz Gewalt und Perspektivlosigkeit große Freude im Leben haben und diese vor allem durch ihr musikalisches Talent zum Ausdruck bringen. „Ich freue mich, mit diesen Menschen einmal vor Jesus zu stehen und ihn mit Liedern zu loben“ – dieser Satz eines Teamkollegen hat sich tief in das Gedächtnis der 25-Jährigen eingeprägt und auch sie freut sich auf diesen Moment.

Mittlerweile ist Miriam wieder gesund und führt ihr Studium weiter. Sie hofft, dass viele Menschen von ihren Erfahrungen in Mikronesien profitieren können – ob im Alltag oder im späteren Beruf.