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Buchneuerscheinung 2015

Die Liebenzeller Mission und der Nationalsozialismus

 

Eine Studie zu ausgewählten Bereichen, Personen und Positionen.

 

Autor: Helmuth Egelkraut

Seitenanzahl: 531

Buchpreis: EUR 39,90

 

ISBN 078-3-643-12980-2

Erschienen im LIT Verlag

 

Das Buch ist im Buchhandel erhältlich und auch über unser Bestellformular online bestellbar.

Interview mit Prof. Dr. Helmuth Egelkraut

 
Prof. Dr. Helmuth Egelkraut

 

Interview mit Prof. Dr. Helmuth Egelkraut, dem Beauftragten für die Erforschung der Geschichte der Liebenzeller Mission zur Zeit des Nationalsozialismus.


Wie kam es dazu, dass Sie die Geschichte der Liebenzeller Mission zur Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet haben?

Ich suchte diese Aufgabe nicht. Direktor Detlef Krause bat mich im Auftrag des Komitees, diese Aufgabe zu übernehmen. Es ging also nicht um die Befriedigung meiner Interessen, meines Forscherdranges oder um akademische Meriten, wie gelegentlich gemutmaßt wurde, sondern was ich in diesem Rahmen tat, geschah in Verantwortung der mir von der Missionsleitung übertragenen Aufgabe und als Dienst für die Mission.


Wie lange haben Sie für die Aufarbeitung der Geschichte der Liebenzeller Mission recherchiert?

Der Anfang liegt im Februar 2012. Im Wesentlichen waren die Recherchen im späten Frühjahr 2014 abgeschlossen. Da ich aber zu der Zeit neben meinen anderen Verpflichtungen im Allgemeinen nur zwei volle Arbeitstage die Woche investieren konnte, war die effektive Arbeitszeit vielleicht ein gutes Jahr. Die Zusammenführung der Ergebnisse, die Redaktion und die Fertigstellung für den Druck des Buches nahmen nochmals ca. sechs bis acht Monate in Anspruch, wobei ich etwa ab Mitte November 2014 vollzeitlich daran arbeitete. Gerade im Zug der Zusammenführung, Überprüfung und Überarbeitung stellt man ja immer wieder Lücken oder Ungenauigkeiten fest und stößt auf neue Unterlagen, die eingearbeitet und mit den bisherigen Erkenntnissen abgestimmt werden müssen.


Konnten Sie unabhängig recherchieren und hatten Sie freien Zugang zu den Quellen?

Am ersten Tag wurden mir alle Schlüssel für das Archiv der Liebenzeller Mission übergeben. Von da an hatte ich jederzeit freien, ungehinderten Zugang zu allen Quellen. Niemand machte mir Vorgaben. Niemand überwachte meine Arbeit. Niemals wurde mir der Zugang zu bestimmten Bereichen verwehrt. Im Gegenteil, wenn immer ich ergänzende Unterlagen anforderte, wurden sie mir – soweit vorhanden – zur Verfügung gestellt. Der Rückgriff auf externe Archive war meine Entscheidung und wurde nie verwehrt. Es war meine Entscheidung, ob und wann ich Direktor Detlef Krause Zwischenberichte vorlegte. So war ich im Rahmen der grob umrissenen Aufgabe: „Erforschung der Geschichte der Liebenzeller Mission während der NS-Zeit“ frei von jeglicher Weisung, Kontrolle oder Überwachung. – Zugleich schirmte ich mich gegen die Öffentlichkeit ab, um nicht vorzeitig Vermutungen zu wecken und um Behinderungen der freien Arbeit zu vermeiden.



Haben Sie die Ergebnisse Ihrer Recherchen überrascht?

Als man mir diese Aufgabe übertrug, wusste niemand, auf was ich stoßen würde. Bisher war über diese Zeit weder geredet noch geschrieben worden. Umso mehr überraschten mich, aber auch die Leitung der Liebenzeller Mission, die Ergebnisse der Recherche. Das begann schon bei der Durchsicht der frühen Jahrgänge der Werkszeitschrift „Chinas Millionen“ ab 1909, als sich zeigte, wie der Gründer und damalige Leiter der Mission, Pfarrer Heinrich Coerper, sich im Rahmen der Jahresberichte politisch äußerte und positionierte und politische Ereignisse theologisch deutete. Er meinte, er könne damit „Gottes Zeiger an der Weltenuhr“ verfolgen. Er selbst bezeichnete sich z.B. in einem Brief als homo politicus, national-vaterländisch gesinnt und sah in der roten, schwarzen und goldenen Internationale den großen Feind Deutschlands. Das stand im Kontrast zu allem, was bisherige Biographien und dergleichen gezeigt hatten.


Wieso hat die Liebenzeller Mission ihre Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus nicht früher aufgearbeitet?

Diese Frage müssen Sie anderen Personen stellen. Doch zeigte sich im Laufe der Recherchen, dass die leitenden Personen wie die Glieder der Liebenzeller Mission nach 1945 die Vergangenheit verdrängten und möglichst hinter sich lassen wollten. Damit waren sie nicht anders als die meisten anderen. Als ich 1960 zur Liebenzeller Mission kam, lernte ich viele der im Dritten Reich aktiven Personen kennen. Doch das Thema wurde nie berührt. So entstand unbewusst der Eindruck, dass man keinerlei Berührung mit dem Gedankengut des NS-Staates hatte und sich von allem fern hielt, außer dem, dass man als Glied dieses Volkes in die Ereignisse wider Willen hineingezogen war. Man kann wohl sagen, dass das alles spätestens nach 1950 kein Thema mehr war. Ob man es bewusst tabuisierte oder unbewusst verdrängte, wage ich nicht zu entscheiden.


Was war für Sie das Erschreckendste, das Sie durch Ihre Recherchen herausgefunden haben?

Hier etwas zu nennen, ist sehr schwer. Soll man sagen, es war die Tatsache, dass der schon genannte Werksgründer von Anfang an starke völkisch-vaterländische Überzeugungen hegte, was ihn dann auch für das nationalsozialistische Gedankengut und für die Deutschen Christen öffnete, ja, dazu bewegte, Ratschläge zur Wahl Hitlers zu geben. Oder war es die deutsch-nationale Begeisterung seines Nachfolgers, Pfarrer Ernst Buddeberg und seiner Familie, die sich dann auf Hitler und den Nationalsozialismus übertrug und weitgehend den Missionsberg erfasste. Oder war es die antijudaistische Überzeugung, die der Mission in ihren Leitern und Gliedern fast von Anfang an eigen war. Oder war es die fast gehässige Grundstimmung gegen Demokratie und Weimarer Republik. Das war alles erschreckend, nicht zuletzt, weil niemand damit gerechnet hatte. Überboten wurde das durch starke Loyalitätserklärungen zu Hitler: „Die Liebenzeller Mission steht unverbrüchlich zum Führer“. So und ähnlich hörte man Stimmen aus China, aber auch vom Missionsberg in Bad Liebenzell. In Hitler sah man den von Gott gesandten Retter des deutschen Volkes, auch noch im Krieg. Missionsinspektor Pfarrer Hertel, der anfangs die Bewegung kritisch sah, schrieb nach dem Einmarsch in Österreich: „Wir haben von Gott einen gottesfürchtigen Führer“. Und nach dem Sieg über Frankreich sagte er: „Es muss alles dazu dienen, dass das Evangelium vom Herrn Jesus Christus seinen Sieg haben wird. ‚Siehe ich mache alles neu’ wird in Erfüllung gehen.“ Hier werden politische Geschehnisse theologisch gedeutet – und das nicht nur einmal. Das war Verblendung.


Gab es auch Lichtblicke in dieser Zeit?

Ja, es gab solche Lichtblicke. Das ist etwa der Chinamissionar Hermann Becker, dessen Frau Auguste von Räubern der Schädel aufgespaltet wurde und der sich später in den USA niederließ. Er kämpfte unter Einsatz seiner ganzen Person, um zu verhindern, dass ein anderer Liebenzeller Missionar, F. Strauß, die ganze Arbeit der Liebenzeller Mission in China der Partei unterstellte. Ein weiterer Lichtblick waren die Schwestern, die unter schwierigen Verhältnissen in den Krankenhäusern, aber auch in den Gemeinschaften, soweit wir es sehen, einfach ihrem Dienst nachgingen ohne irgendwelche parteipolitischen Gedanken. Schließlich war es das Leitungsgeschick des schon erwähnten Pfarrer Buddeberg. Wie ein Löwe kämpfte er um den Erhalt der Missionszeitschriften und kam dabei bis in das Vorzimmer von Goebbels. Er sanierte die Finanzen der Mission, die bei seinem Amtsantritt kurz vor der Insolvenz stand, führte Inspektorate ein, ordnete den neu entstehenden Liebenzeller Gemeinschaftsverband, führte die Schwesternschaft als Verband zusammen und bestand darauf, dass jede Schwester eine Ausbildung erhielt und konnte trotz aller Observation und Befragungen durch die Gestapo verhindern, dass das Werk konfisziert oder der Partei bzw. den Deutschen Christen unterstellt wurde. Und das trotz mancher interner Widerstände. – Und erstaunlich und zugleich unverständlich ist, dass man bei allem am Evangelium von dem gekreuzigten Jesus Christus festhielt und gegen die Deutschen Christen für die Unaufgebbarkeit des Alten Testamentes eintrat. Vor allem Pfarrer Buddeberg setzte sich dafür ein.


Wie bewerten Sie die Liebenzeller Mission zur Zeit des Nationalsozialismus?

Diese Frage bewegte mich ständig, und ich habe auch heute noch keine abschließende Antwort. Die Sammlung der Daten war relativ einfach. Schwieriger war schon die Selektion des Wesentlichen und schließlich die Ordnung und Verbindung zu einem Gesamtbild. Aber die Bewertung ist immer auch persönlich-subjektiv. Man muss sich hineinversetzen in die Zeit, nicht nur in die des Nationalsozialismus, sondern auch in die Zeit nach 1871, der Gründung des Deutschen Reiches, aber auch in die Zeit nach dem Vertrag von Versailles 1919. Das alles prägte die damals handelnden, ja handeln müssenden Personen. Einerseits muss ich sagen, den rassistisch-völkischen Patriotismus, den Antijudaismus, die Begeisterung für den Nationalsozialismus und für den Krieg können wir nicht billigen. Andererseits unterscheidet sich damit die Liebenzeller Mission in keiner Weise von den anderen deutschen evangelischen Missionen dieser Zeit. Ja, die Liebenzeller Mission war die einzige, die sich weigerte, politische Artikel in ihren Missionsblättern zu veröffentlichen, weshalb man sehr früh, schon 1936/37 mit deren Einstellung drohte. Und zudem war es eine Zeit, in der im Liebenzeller Gemeinschaftsverband viele neue Gemeinschaften entstanden. Nie gab es in China so viele Taufbewerber und Taufen wie zu dieser Zeit, trotz Invasion durch Japan von außen und sich bekriegender doppelter Revolution, unter Mao und Tschiang Kai Schek, im Innern. So entsteht für mich als Historiker ein zwiespältiges Bild. – Als Theologe und Christ kann ich das geschehene Unrecht nicht verschweigen oder entschuldigen. Ich weiß aber, dass es auch dafür Vergebung in Christus Jesus gibt. Zudem ist mir jegliche Überheblichkeit und Besserwisserei verwehrt. – Ich danke Gott, dass ich in dieser Zeit nicht ein Werk dieser Dimension mit Missionaren in vielen Ländern leiten musste, das zudem unter steter Gestapo-Überwachung stand und mit den Schwierigkeiten strengster Devisenbewirtschaftung fertig werden musste. Ich weiß nicht, was ich getan hätte.


Wie hat die Leitung der Liebenzeller Mission auf die Ergebnisse Ihrer Recherchen reagiert?

Wann immer ich Direktor Detlef Krause von neuen Funden berichtete, war er tief betroffen. Gleiches erlebte ich bei meinem Vortrag im Komitee und dann bei einer Mitarbeitertagung im Herbst 2014. Was in der engeren Missionsleitung und im Komitee besprochen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Nach den ersten semi-öffentlichen Verlautbarungen erhoben sich vereinzelt entschuldigende Stimmen aus dem Umfeld. Andere fragten, warum es nötig sei, mit diesen Funden an die breite Öffentlichkeit zu treten. Ob es nicht besser sei, das Ganze intern zu halten, um der Mission nicht zu schaden. Anders sah das die Leitung der Liebenzeller Mission. Direktor Detlef Krause setzte sich sehr früh dafür ein, dass wir zu diesem Teil des Erbes der Mission stehen müssen, wie wir auch zum positiven Erbe stehen und bestand auf Offenlegung. Erst mit der Zeit klärte sich, dass es in Gestalt des jetzt vorliegenden Buches geschehen soll.


Was kann die Liebenzeller Mission durch die Ergebnisse Ihrer Recherche lernen?

Das müssen zunächst die zuständigen Personen in der Leitung der Liebenzeller Mission und dann alle Glieder je für sich entscheiden. Für mich steht an erster Stelle, dass jede Überheblichkeit oder jeder Stolz, als seien wir anderen Missionen überlegen, unangebracht ist. Zum anderen ist mir selten so deutlich geworden, dass dieses Werk allein aus Gnaden besteht, weil auch die Schuld und die Fehler dieses Werkes unter der Vergebung Christi stehen. Schließlich sehe ich, wie wichtig es ist, sowohl die missionstheologischen Strömungen als auch gesellschaftliche, ideologische  und politische Bewegungen ernsthaft zu prüfen, damit man den damit verbundenen Irreführungen nicht verfällt. Größte Skepsis ist allen Bewegungen gegenüber angesagt, die meinen, mit ihrem Programm und Werk diese Welt zum Reich Gottes transformieren zu können, gleich ob sie säkularer, theologischer oder missionstheologischer Art sind, gerade wenn sie mit Absolutheitsanspruch auftreten. Vor allem sollten wir es vermeiden, zeitgeschichtliche Ereignisse in Gottes Heilsplan heilstheologisch einzuordnen, auch wenn es um den Staat Israel oder den Vorderen Orient geht. Das ist theologische Vermessenheit. Als Missionswerk haben wir im Blick auf die Mission und Gemeinden in den vielen Arbeitsgebieten aber auch im Blick auf die große Heimatgemeinde eine besondere Verantwortung, da das Wort „vom Missionsberg“ immer noch eine große Bedeutung hat.
Dabei möchte ich es belassen, denn wenn man das alles sah, liegt einem jede Besserwisserei und Schulmeisterei fern. Ich bin dankbar, dass mir solche Zeiten erspart blieben und bitte im Blick auf mein Wirken: Kyrie eleison, Herr erbarme dich.

 



Dr. Helmuth Egelkraut, geb. 1938. Dipl. Ing. Landbau (FH). Theologische Ausbildung am Seminar der Liebenzeller Mission. Weiteres Studium in Boston und Princeton, USA. Missionar in Papua-Neuguinea. Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Dekan i.R. Professor für Biblische Theologie und Mission, Columbia International University, USA. Vielseitige Veröffentlichungen.